Ein Weg aus der Obdachlosigkeit
„Du bist nicht allein.“ Ein Satz, den CJ heute täglich sagt und den sie noch vor ein paar Jahren selbst gebraucht hätte. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann wurde sie wohnungslos – eine Erfahrung, die ihr Selbstvertrauen erschütterte. Heute sitzt CJ im Büro des teilbetreuten Wohnhauses des Neunerhauses in Favoriten. Seit fünf Jahren arbeitet sie dort als Peer-Mitarbeiterin und begleitet Menschen, die selbst von Obdachlosigkeit betroffen sind.
Der Weg dorthin führte sie 2020 über die Peer-Ausbildung des Neunerhauses. Aufmerksam darauf wurde sie durch ihre damalige Sozialarbeiterin. „Ich war etwas skeptisch. Ich habe mir gar nichts darunter vorstellen können“, erzählt sie. Die Ausbildung gab ihr die Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit zu nutzen, um anderen Menschen zu helfen – und: wieder einen Beruf auszuüben.
Grundidee Partizipation
Genau darum geht es auch beim Peer-Campus: Menschen, die selbst Obdach- oder Wohnungslosigkeit erlebt haben, werden dafür ausgebildet, ihr Erfahrungswissen professionell in der Wiener Wohnungslosenhilfe einzusetzen. „Die Grundidee ist Partizipation“, erklärt Michael Herzog. Er selbst hat ein Jahr nach CJ die Ausbildung gemacht und arbeitet jetzt für den Peer-Campus.
Hinter dem Schritt, sich für die Ausbildung zu entscheiden, steckt laut Herzog oft auch ein persönlicher Wunsch. „Wenn dir geholfen wurde, wächst häufig das Bedürfnis, etwas zurückgeben.“ Bewerben können sich Volljährige, die selbst obdach- oder wohnungslos waren.
Michael Herzog entwickelt die Ausbildung laufend weiter.
Mehr als 100 Bewerbungen gehen mittlerweile jedes Jahr ein, davon aufgenommen werden 20 Teilnehmer. Die Bewerber müssen ein mehrstufiges Auswahlverfahren durchlaufen. Dabei soll herausgefunden werden, wer bereit für die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist. „Die Ausbildung beschäftigt sich größtenteils mit der eigenen Geschichte. Das muss man auch durchstehen können“, sagt Herzog.
Für CJ war genau das eine der größten Herausforderungen. „Du musst lernen mit deiner Vergangenheit und den Gefühlen umzugehen.“ Sich damit auseinanderzusetzen, sei nicht immer einfach – aber notwendig, um später als Peer zu arbeiten.
Zur Ausbildung gehört auch ein Praktikum in einer Einrichtung der Wiener Wohnungslosenhilfe. Für manche Teilnehmer ist das der erste Schritt aus einer jahrelangen Arbeitslosigkeit, so auch für CJ. „Ein Praktikum ist eine gute Einführung in den Berufsalltag gewesen.“ Nach der Ausbildung muss man sich auf eigene Faust für offene Stellen am Arbeitsmarkt bewerben. CJ ergatterte damals eine Stelle im Neunerhaus.
Wichtige Brücke
Heute führt sie unter anderem Entlastungsgespräche mit Bewohnern in Favoriten. Dabei merkt sie, wie ihre eigene Geschichte Türen bei anderen öffnet. „Die Menschen sind froh, wenn es jemanden gibt, der selbst einmal in so einer Situation war. Da erzählt es sich einfach leichter.“ Für Sozialarbeiter sei sie dadurch oft eine wichtige Brücke. „Ich kann helfen, die Hemmschwelle abzubauen.“
Mittlerweile findet der Peer-Campus bereits zum neunten Mal statt. Der Kurs wurde heuer von sieben auf acht Monate erweitert und läuft von September bis April. „Wir versuchen die Ausbildung immer weiterzuentwickeln.“ Derzeit umfasst sie rund 17 Wochenstunden und besteht aus acht Modulen. Die Teilnehmenden sind derzeit zwischen Anfang 20 und Anfang 60 Jahren alt. Laut Herzog schließen rund 85 Prozent die Ausbildung erfolgreich ab.
Auch CJ legt immer wieder Menschen, mit denen sie arbeitet ans Herz, sich für die Ausbildung zu bewerben. „Man hat nichts zu verlieren. Es ist eine Reise, die Spaß macht, aber auch anstrengend ist. Man muss sich nur trauen.“
Campus
Am Neunerhaus Peer Campus werden ehemals obdach- und/oder wohnungslose Menschen ausgebildet. Der Peer Campus bietet auch Weiterbildungen an, die Peers im Job unterstützen. Er befindet sich in der Margaretenstraße 166 in Mariahilf.
Bewerbung
Voraussetzungen für den Kurs sind, dass Personen selbst von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit betroffen waren oder sind und volljährig sind. Zusätzlich ist ein mehrstufiges Aufnahmeverfahren zu absolvieren. Bewerbungsunterlagen müssen rechtzeitig eingeschickt werden. Die nächste Bewerbungsrunde startet Anfang 2027, der Kurs beginnt dann im September.
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