Chronik | Wien
09.02.2018

Aus Liebeskummer Wohnung angezündet

Mangelhafte Ermittlungen: Schirmständer in Brand gesetzt. Polizei erhob keine Details, der Sachverständige war nie am Tatort und begutachtete nur Fotos. 18 Monate bedingt

Ziemliche Ratlosigkeit bei einem Prozess um einen Wohnungsbrand im Wiener Landesgericht, wie es in letzter Zeit im Grauen Haus mangels profunder Ermittlungen häufig vorkommt: Die Angeklagte hatte einen Schirmständer angezündet, aber von der Polizei wurde nicht erhoben, wie viele Schirme gebrannt haben. Es ist auch nicht bekannt, wie lange es gebrannt hat.

Der Brand-Sachverständige hat den Tatort in der Hetzendorfer Straße in Wien-Meidling nie gesehen. Er weiß also nicht, wie die Eingangstür beschaffen war und ob sie der Hitze standgehalten hätte. Grundlage für sein Gutachten waren lediglich unkenntliche Fotos der angekohlten Möbelstücke und der verrußten anderen Räumen.

"Brennt so ein Regenschirm gut? Meiner ist immer nass", fragt der beisitzende Richter. "Er brennt wie eine Fackel", antwortet der Experte, der beim Brandgeschehen von einem "eng begrenzten Bereich" ausgeht. Das Feuer hatte sich auf das Vorzimmer beschränkt, die anderen Räume waren stark verrußt.

Auf dieser Basis kann er nur sagen, dass sich "unter Umständen die Möglichkeit ergeben hätte können, dass sich eine Feuersbrunst entzündet". Ein sogenannter "Flashover", wie Richterin Nicole Baczak aus diesem Verfahren gelernt hat; ein durch Erreichen einer kritischen Temperatur ausgelöster Vollbrand.

Technische Definition

Daraus konstruierte die Staatsanwaltschaft eine "selektive Anklage" (wie der Verteidiger formulierte) wegen versuchter Brandstiftung mit bis zu zehn Jahren Haft Strafdrohung. Dem Schöffensenat reichte es zu einer Verurteilung von 18 Monaten bedingter Haft. "Sie haben das Feuer gelegt, für uns ging es nur mehr um die technische Definition", so die Vorsitzende.

Die Angeklagte leidet seit 20 Jahren an Schmerzen, für die keine Ursache gefunden werden kann. Die 54-jährige Beamtin ist bei Orthopäden, Neurologen und Psychiater in Behandlung, die verordneten Schmerzmedikamente helfen nur kurze Zeit. Von Mitte 2014 bis zum Tatzeitpunkt sammelten sich 640 Krankenstandstage an.

Dann kam noch Liebeskummer dazu: Als sie ihr Lebensgefährte zu einer Familienfeier nicht einlud, "da wollte ich nicht mehr und konnte ich nicht mehr".

Am 3. August 2017 schluckte die Wienerin sämtliche Medikamente, die sie finden konnte, verbarrikadierte sich in der Wohnung des Lebensgefährten und zündete einen oder mehrere Schirme im Metall-Schirmständer an. Dann legte sie sich benommen auf die Couch. Nachbarn bemerkten den Rauch, die Feuerwehr stieg über den Balkon ein, weil die Eingangstür blockiert war, löschte das Feuer im Vorzimmer und rettete die Bewusstlose.

"Ich wollte ersticken, ich wollte sicher nicht das ganze Haus anzünden", sagte die 54-Jährige, als sie im Spital aufwachte. Inzwischen ist sie vom Lebensgefährten getrennt und versucht, sich von den Schmerzen abzulenken, so gut es eben geht.