Chronik | Wien
07.01.2018

Aus dem Alltag eines Polizeischülers

Mehr als 400.000 Einsätze bewältigt die Wiener Polizei im Jahr und sorgt damit für Sicherheit. Darauf werden die Beamten gut vorbereitet.

Sie stehen links und rechts der Eingangstür. Ruhig und vorsichtig. "Ich sehe einen Gang und rechts noch eine Tür", sagt die junge Frau. "Ich sehe nur eine Wand", antwortet ihr Kollege. "Dann gehe ich vor", sagt die Frau. "Hier ist die Polizei", ruft der Mann noch mit lauter Stimme, dann wagt sie, Pistole im Anschlag, einen Schritt um die Ecke. "Stopp", sagt da eine Stimme aus dem Hintergrund. Der Ausbildner unterbricht und nimmt die Polizeischüler auf die Seite. Schritt für Schritt gehen sie durch, wie man als Polizist richtig eine unbekannte Wohnung betritt.

Wir befinden uns in der Marokkanerkaserne in Wien. Hier ist die Schulabteilung der Bundespolizeidirektion Wien untergebracht. Heute steht Stationentraining auf dem Programm. Für die Polizeischüler ein wichtiger Teil ihrer Ausbildung. Es werden verschiedene Situationen simuliert, die später zum "täglichen Geschäft" gehören. Festnahme, Schießtraining, Spurensicherung – all das und mehr wird unter Beobachtung geübt. "Die Polizeiinspektionen sind jeden Tag 24 Stunden für die Bevölkerung da und ihr erster Anlaufpunkt", betont Generalmajor Thomas Schlesinger, Leiter des Zentrums für Grundausbildung. "Daher müssen unsere jungen Kollegen Amtshandlungen, die im Dienst ihr Alltagsgeschäft sein werden, bewältigen lernen." Das passiert in Form eines dualen Ausbildungssystems: Theorie und Praxis werden verzahnt.

Rückgrat der Bevölkerung

Die ursächlichste Aufgabe der Polizei ist es, für öffentliche Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Die Wiener Exekutive besteht aus 6442 Beamtinnen und Beamten, die jedes Jahr mehr als 1,2 Millionen Notrufe entgegennehmen und über 400.000 Einsätze bewältigen. Ihr Einsatz macht sich bezahlt: Laut dem Eurobarometer, einer großen Studie der EU, fühlen sich 87 Prozent der Wiener in ihrer Stadt sicher – ein Wert, an den nur wenige andere europäische Großstädte heranreichen.

Damit dieses Gefühl der Sicherheit in Wien nicht verloren geht, werden Jahr für Jahr viele neue Polizisten ausgebildet. "Aktuell haben wir 24 Ausbildungsklassen mit je 25 Polizeischülern in Wien", erzählt Oberst Manuela Türk, Leiterin des Bildungszentrums Wien. "Vier dieser Klassen sind am 1. Dezember in ihr erstes Praktikum gegangen." Die Polizeiausbildung dauert 24 Monate. "Der erste Theorieteil dauert 12 Monate, dann folgen drei Monate Praxis in einer Dienststelle", erklärt Manuela Türk. "Danach folgen weitere fünf Monate vertiefender Unterricht und noch einmal vier Monate Praxis." Dieser duale Aufbau der Grundausbildung hat sich bewährt: Die jungen Beamten treten gut vorbereitet ihre Polizeikarriere an.

Nur die Besten

Interesse an dem Berufsweg gibt es genug. Doch nicht jeder, der Polizist werden will, kann die Ausbildung absolvieren. Am Beginn steht ein strenges Auswahlverfahren. "Es setzt sich aus einem schriftlichen, einem psychologischen und einem Sport-Test zusammen", so Oberst Türk. "Dazu kommen noch eine medizinische Untersuchung und ein Explorationsgespräch." So wird festgestellt, ob eine Dienstfähigkeit in der Exekutive gegeben ist. Dass die Bewerber ein einwandfreies Leumundszeugnis benötigen, versteht sich von selbst. "Es müssen auch alle Bereiche des Auswahlverfahrens positiv sein", sagt die Leiterin des Bildungszentrums Wien. "Man kann nicht mit einem besonders guten Ergebnis in einem Bereich ein schlechtes Abschneiden in einem anderen Bereich kompensieren." Selbst wenn ein Bewerber das Auswahlverfahren positiv abschließt, heißt das nicht, dass er die Ausbildung beginnen wird. "Von sechs Bewerbern schaffen österreichweit gesehen einmal drei das Auswahlverfahren und einer wird dann genommen", sagt Manuela Türk. "Wir wollen für die Sicherheit der Wiener Bevölkerung nur die Besten haben."

Wer uniformierten Dienst leistet, kommt tagtäglich in den Kontakt mit Menschen. "Um als Polizist arbeiten zu können, benötigt man ein besonderes Kompetenzprofil", weiß Thomas Schlesinger, Leiter des Zentrums für Grundausbildung. "Die sozialkommunikativen, persönlichen, aktionalen und fachlichen Kompetenzen müssen überdurchschnittlich ausgeprägt sein." Darauf nimmt der Lehrplan der Grundausbildung Rücksicht. Die fachlichen Grundlagen sind also nur ein Punkt. "Bei einer Amtshandlung ist den Betroffenen wichtig, wie ihnen der Polizist begegnet, ob er vertrauenswürdig ist", betont der Generalmajor. "Deswegen haben wir die Trainings unter dem Titel ,Bürgernähe und Handlungssicherheit’ massiv erhöht, also in Richtung sozialkommunikative Kompetenzen, Psychologie, Berufsethik oder etwa Kommunikation in Konfliktsituationen." Dass das Lehrplankonzept aufgeht, wird immer wieder bestätigt. So zeigte eine Untersuchung der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft, dass hierzulande das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei sehr hoch ist: Sie wurde mit durchschnittlich 6,3 Punkten bewertet. Die Höchstzahl liegt bei 7. Somit ist die Polizei die Institution, die das größte Vertrauen der Österreicher genießt.

Vernetztes Denken

Neben dem Stationentraining, wo bestimmte Situationen in der Praxis durchgespielt werden, erhalten die Polizeischüler auch immer wieder Fallbeispiele, die sie bearbeiten müssen. "Diese werden von A bis Z verfolgt – von den rechtlichen Grundlagen bis hin zur Amthandlung", erklärt der Leiter des Zentrums für Grundausbildung. "Begleitend dazu gibt es ein Lernportfolio, wo die Vortragenden die Schüler bei diesen Amtshandlungen beobachten und eventuelle Mankos notieren: Sollte das so sein, wird für den nächsten Fall eine Lernvereinbarung getroffen." Diese wird bei der nächsten Amtshandlung überprüft. "Wird festgestellt, dass die Entwicklung nicht verläuft wie erwünscht, kann es auch eine Ausschlusskonferenz geben", sagt Schlesinger, wobei er betont, dass dies nur in den seltensten Fällen vorkommt.

Nach der Grundausbildung und dem positiven Abschluss der Dienstprüfung beginnen die frisch gebackenen Exekutivbeamten ihren Dienst in einem der 14 Wiener Stadtpolizeikommandos. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir die jungen Kolleginnen und Kollegen sehr gut auf die Praxis einstellen", erzählt Oberst Manuela Türk. "Es gibt kaum Situationen, denen sie sich nicht gewachsen fühlen. In der Regel wissen sie, was auf sie zukommt."

Weiterer Verlauf

Für mindestens sechs Jahre versehen die Polizisten nun Streifendienst in Uniform und stellen sich damit den verschiedensten Herausforderungen. Alle zweieinhalb Jahre nehmen sie an einer Fortbildung teil. "Ein Einsatzwagen ist nach spätestens 3,24 Minuten vor Ort, das bedeutet, dass die Polizei in der Regel vor Feuerwehr oder Rettung da ist", erzählt Oberst Manuela Türk. "Auch Erstmaßnahmen in der Ersten Hilfe werden meistens durch die Polizisten geleistet."

Eine regelmäßige Fortbildung ist also enorm wichtig. Auch Spezialisierungen sind möglich, etwa in Richtung Verkehrsüberwachung, Kriminalermittlung, Grenz- und Flughafenkontrolle, Diensthundeführer oder für Spezialabteilung wie Cobra oder WEGA: Oder man schlägt eine interne Karriere ein: Je nach Art der Weiterbildung kann das die Leitung eines Polizeikommandos oder eine höhere Position in der Landespolizeidirektion bedeuten. "Es gibt aber auch Kollegen, die ihr Leben lang als Exekutivbeamter tätig sind", fasst Generalmajor Thomas Schlesinger zusammen. "Denn der Dienst an der Bevölkerung ist ein sehr befriedigender."

Initiative „Gemeinsam sicher“

Wenn die Polizei gerufen wird, ist in den meisten Fällen bereits etwas passiert. Um im Vorfeld agieren zu können, wurde die Initiative „Gemeinsam sicher“ gegründet: Sie sucht die enge Zusammenarbeit mit den Wienerinnern und Wienern, um negative Entwicklungen bereits im Vorfeld zu erkennen und handeln zu können. Die Bandbreite ist dabei groß: Im 9. Bezirk wurde etwa ein Schulweg abgesichert, damit die Kinder nicht in Gefahr laufen, von Autos erfasst zu werden, in der Seestadt Aspern wurden Flächen für Graffiti freigegeben, womit illegale Besprayungen eingedämpft werden konnten. Um die Sorgen und Nöte der Bevölkerung besser wahrnehmen zu können, gibt es auf jeder Polizeiinspektion einen Sicherheitsbeauftragten, der den engen Kontakt zu den Menschen im Grätzel sucht und hält. Durch diese Form der Zusammenarbeit wird viel zur Prävention in Wien beigetragen.
www.gemeinsamsicher.at