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Relikt aus dem Kalten Krieg: Wiener Atombunker erstmals zugänglich

Die Angst vor atomarer Bedrohung war in der Zeit des Kalten Krieges auch in Wien groß. Darum wurden unter vielen Gebäuden Schutzräume gebaut. Einer davon kann nun im Rahmen einer Führung erkundet werden.
Ein langer, gelb beleuchteter Gang mit Schaufensterpuppen in Schutzanzügen und Gasmasken an den Wänden.

Hinter der unscheinbaren grünen Metalltür in einem Parkhaus verbirgt sich eine Parallelwelt. Zum einen ist es hier, im Vorraum des ABC-Bunkers, deutlich kühler als draußen im vorsommerlichen 3. Bezirk, zum anderen befindet man sich hier mitten im Kalten Krieg. Zumindest theoretisch.

Denn dieser Bunker, durch den Lukas Arnold, Vorstand des Vereins „Unter Wien“ den KURIER führt, war nie in Betrieb. Und doch ist er einer von vielen Schutzräumen dieser Art, die sich in Wien unterhalb von in den 70er- und 80er-Jahren erbauten behördlichen Gebäuden befinden.

Ein grünes Stofftier sitzt auf einer der Holzbänke in einem leeren Umkleideraum.

Dicht an dicht: Einer der Aufenthaltsräume im Bunker. 

Endliche Atemluft

Die Angst vor atomarer Bedrohung war zu dieser Zeit auch im neutralen Österreich groß – und so traf man entsprechende Vorkehrungen. „Normale Keller hätte man nicht als Schutzraum adaptieren können, wie man es etwa im Zweiten Weltkrieg gemacht hat. Die kann man gegen den radioaktiven Fallout nicht abdichten“, erklärt Arnold, der mit „Unter Wien“ verschiedene Führungen in die Wiener Unterwelt anbietet. Dazu gehört auch der ABC-Bunker, der im Rahmen der Führungen erstmals öffentlich zugänglich ist.

Für die breite Bevölkerung waren diese Bunker, die gegen die Auswirkungen atomarer, biologischer und chemischer Waffen schützen sollten, nie vorgesehen. Nur Mitarbeiter der jeweiligen Behörden und Unternehmen hätten hier Platz gefunden.

Die Anlage im dritten Bezirk bot auf rund 800 Quadratmetern Platz für 1.242 Menschen, eine angrenzende kleinere Anlage auf rund 400 Quadratmetern für weitere 238. „Diese Anzahl durfte auf keinen Fall überschritten werden“, sagt Arnold. Denn für so viele Menschen hätten die Lebensmittelvorräte ausgereicht – und zwar für 14 Tage. So lange wäre die Luft hier unten sicher gewesen, sagt Arnold. „Zwei Wochen lang hätte ein großer Sandfilter die Luft rein gehalten. Danach wäre sie kontaminiert gewesen.“

Ein junger Mann mit schwarzem Hoodie und Mütze steht lachend neben einer Vitrine vor einem Poster mit Vorratsliste.

Lukas Arnold führt durch die Wiener Unterwelt. 

Eine Rolle Klopapier

Wobei, besonders gut wäre die Luft hier unten auch davor schon nicht gewesen. „Jeder Mensch gibt ja auch Wärme ab. Das führt mit der Zeit nicht nur zur zu extremer Hitze, sondern auch zu 100-prozentiger Luftfeuchtigkeit. Aber auch daran sieht man, dass die Planungen für diesen Bunker sehr theoretisch waren“, sagt Arnold. Dennoch war zumindest in der Theorie alles genau durchgeplant.

Durch eine Schleuse betritt man den Bunker – hier hätte man sich seiner kontaminierten Kleider entledigen und mindestens 60 Sekunden lang abduschen müssen. Kalt, denn warmes Wasser öffnet die Poren und würde radioaktive Partikel leichter in die Haut eindringen lassen.

Ein roter Jogginganzug, eine Decke und ein Matratzenbezug lagen dann schon bereit. Häferl, Teller und Besteck aus Plastik sollten verhindern, dass diese bei einem mentalen Zusammenbruch zur gefährlichen Waffe umfunktioniert werden könnten. Zur Stabilisierung der psychischem Verfassung dürfte jedenfalls nicht beigetragen haben, dass man pro Person für die gesamte Zeit nur eine Rolle Toilettenpapier bekommen hätte. „Einlagiges!“, ergänzt Arnold.

Auf einem Tisch liegen Jogginganzug, Decke, Geschirr, Besteck, Tasse, Servietten und eine Rolle Toilettenpapier.

Die Ausstattung für zwei Wochen in der Wiener Unterwelt.   

Leere Räume

Funktional ist die unterirdische Anlage heute übrigens nicht. Es gibt weder eine Belüftungsanlage, noch Wasser oder Toiletten. Ein Teil wird von einer Firma als Lager genutzt, den anderen hat der Verein „Unter Wien“ seit einem Jahr für Führungen adaptiert und eingerichtet.

„Die Räume waren alle leer“, erzählt Arnold. Und zwar schon immer. Denn weder der Bund noch die Behörde wollten seinerzeit die Kosten für die Einrichtung der Räume übernehmen. Glücklicherweise trat der Ernstfall nie ein – und Arnold bekam die Genehmigung, Einrichtungen aus anderen Wiener ABC-Bunkeranlagen abzubauen und hier wieder aufzubauen. So eröffnet sich den Besuchern der Blick in einen der Aufenthaltsräume, in dem durch die aneinandergereihten Bierzeltgarnituren und die Grabesstille, so etwas wie eine postapokalyptische Oktoberfeststimmung herrscht.

Nebenan ist einer der Schlafräume, in dem Stockbetten mit drei Etagen aneinandergereiht sind. Hier liegen heute nur Schaufensterpuppen unter der Decke. Der Ausnahmezustand, für den dieser Bunker einst gebaut wurde, ist glücklicherweise nie eingetreten. Die düstere Realität dieses Schutzraumes blieb bis heute in Wien nur eine Parallelwelt.

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