Chronik | Wien 12.01.2013

Der Pater im Schubhaftzentrum

Ein gebürtiger Ghanaer spendet Trost, wirklich helfen kann er seinen Schützlingen nicht.

Vor dem fünfstöckigen Haus im Jugendstil in Wien-Alsergrund steht ein Mann. Er trägt eine dunkle Jeans, blaues Hemd und einen schwarzen Mantel. Eigentlich eine gewöhnliche Erscheinung. Und auch das Haus ist sehr gewöhnlich. Solche findet man in Wien an fast jeder Ecke. Nur die Gitter an den Fenstern verraten die Besonderheit des Gebäudes. Es ist ein Polizeianhaltezentrum. Hierher werden Schubhäftlinge gebracht, die hoffen und bangen und dann oft doch zurück in ihre Heimatländer abgeschoben werden. Der Mann, der davor steht, ist ihr Seelsorger. Seit 2006 betreuet Pater Kofi Kodom die Schubhäftlinge in Wien.

Der 43-Jährige wuchs in einem kleinen ghanaischen Dorf auf. Seine Eltern, gläubige Christen, waren einfache Bauern. „Sie bauten Mais, Erdnüsse und Yamswurzel an“, erzählt er. Damit finanzierten sie den fünf Kindern die Schulausbildung.

2001 kam er als Priester nach Österreich. Er gehört den Steyler Missionaren an, einer in den Niederlanden gegründeten römisch-katholischen Ordensgemeinschaft. Er studierte Theologie, Philosophie und Französisch in Kenias Hauptstadt Nairobi.

Als 2000 Priester für die Einsätze in Europa gesucht wurden, meldete er sich. Er kreuzte die ersten drei Länder auf der Liste an. „Austria“ stand an erster Stelle. So landete er in Österreich. Darauf hoffen auch seine derzeitigen Schützlinge.

Drei Jahre war er Kaplan in Innsbruck. Danach betreute er Flüchtlinge im Lager Traiskirchen, fuhr zu Besuch nach Wien, wenn sie in die Schubhaft kamen. „Seit meiner Erfahrung dort setzte ich mich für die Seelsorge der Schubhäftlinge ein“, erzählt Kodom. Heute ist er der offiziell von der Erzdiözese Wien bestellte Schubhaftseelsorger in den Polizeianhaltezentren Hernalser Gürtel und Rossauer Lände.

Seelsorge

Jeden Dienstag kommt der gebürtige Ghanaer ins Polizeianhaltezentrum am Hernalser Gürtel und hört Menschen zu, die niemanden haben und nicht wissen, wie es weitergeht. Zurzeit sind dort 100 Häftlinge untergebracht – die meisten aus Nigeria, Pakistan, Afghanistan, Indien, Algerien und China. Viel Zeit, um seine Schützlinge kennenzulernen, hat er nicht. „Ich sehe sie nur zwei oder drei Mal“, sagt der Pater. Selten dauer die Schubhaft länger als zwei bis drei Wochen.

Der Seelsorger setzt sich an einen Tisch im Gottesdienstraum des Anhaltezentrums und wartet auf seine ersten Schützlinge. Jeder kann zur Sprechstunde kommen. „Wenn man in eine solche Situation kommt, dann spielt die Religion keine Rolle“, sagt Pater Kofi. Heute haben sich zehn Schubhäftlinge angemeldet.

Ein Rumäne in Cordoba-Jacke und sein Zellennachbar aus der Slowakei setzen sich zu ihm an den Tisch. „Ich habe Milch im Supermarkt für meine Kinder mitgehen lassen“, erzählt der Rumäne. Nach seiner Haftstrafe bekommt er ein Aufenthaltsverbot in Österreich . „In den nächsten Tagen werde ich abgeschoben.“ Auch der Slowake saß wegen Diebstahls im Gefängnis: „Meine im siebten Monat schwangere Frau bleibt alleine in Wien.“ Pater Kofi kann ihre Probleme nicht lösen. „Aber viele dieser Leute wollen einfach erzählen. Sie freuen sich, dass sie mit jemandem reden können“, sagt der 43-Jährige. „Aber die Ohnmacht, nichts gegen ihr Schicksal tun zu können, ist sehr belastend für mich.“

Dann kommen drei Schwarzafrikaner herein. Die Geschichten, die sie erzählen, ähneln einander. „Ich wurde von der Polizei kontrolliert und hergebracht, weil ich einen Ausreisebefehl habe“, erzählt ein 26-jähriger Nigerianer. „Mein Bruder wurde Opfer eines Bombenattentates in Nigeria. Es ist gefährlich dort.“ Seit einem Tag befindet er sich im Hungerstreik. „Oft der letzte Ausweg, um eine Abschiebung zu verhindern“, sagt Kodom.

( Kurier ) Erstellt am 12.01.2013