Chronik | Wien
26.07.2018

Asiatischer Pilz rafft Wiens Eschen dahin

In den städtischen Wäldern hat das eingeschleppte „Falsche weiße Stängelbecherchen“ 250.000 Bäume befallen.

Die Ruhe ist ungetrübt. Beim vormittäglichen KURIER-Lokalaugenschein in der Unteren Lobau genießen Dutzende Radfahrer die fast unberührte Natur. Im Sonnenschein strampeln sie den Weg neben dem Auwald entlang. Damit sie das gefahrlos tun können, arbeiten die Wiener Forstarbeiter ein paar Meter daneben auf Hochtouren. Aus Sicherheitsgründen fällen sie entlang der Wander- und Radwege sämtliche Eschen. Denn die Bäume sind todkrank.

Seit etwa zwei Jahren ist der Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt (MA49) damit beschäftigt. Machen die rund 250.000 betroffenen Eschen in Wien doch etwa sieben Prozent des gesamten Waldbestands aus.

Zwar müssen nicht ausnahmslos alle gefällt werden – aber zumindest jene, die innerhalb von eineinhalb Baumlängen neben öffentlichen Wegen oder Einrichtungen, wie Schulen, Kindergärten oder Öffi-Stationen, stehen. Würden sie umstürzen, könnte jemand verletzt werden. Wienweit sind insgesamt 240 Kilometer an Wander- und Radwegen abzusichern. Mehrere tausend Mal hieß es laut MA49 bereits „Baum fällt“.

Eingeschleppt

Während im restlichen Bundesgebiet der über Fichten herfallende Borkenkäfer derzeit das Hauptproblem in den Wäldern darstellt, rangiert in Wien (mangels Fichten) das Eschensterben auf Platz eins der Baumschäden. Betroffen ist dabei ausschließlich die „Gemeine Esche“ in Wäldern. Wie Untersuchungen der MA49 in Kooperation mit der Bundesforschung Wald und der Universität für Bodenkultur (BOKU) zeigen, bleiben Parkbäume, wie die Blumenesche ebenso verschont wie andere Waldbaumarten.

Schuld an der Misere ist ein Pilz mit denkbar unspektakulärem Namen: „Das Falsche weiße Stängelbecherchen, das vermutlich durch Holztransporte aus Nordostasien eingeschleppt wurde“, wie Wiens Forstdirektor Andreas Januskovecz erklärt.

Während dort die Flora dagegen resistent ist, entfalten die vom Wind verbreiteten Pilzsporen in den Wäldern Mitteleuropas ihre tödliche Wirkung. Treffen sie auf Eschen, gelangen sie in deren Wasserbahnen, wachsen dort heran und verstopfen sie. Woran der Baum je nach Vitalität innerhalb von ein bis vier Jahren zugrunde geht – in 100 Prozent der Fälle. Die Blätter fallen ab, die Wurzeln trocknen aus. Nicht betroffene Eschen gibt es nicht.

Seitens der Bevölkerung werden die Sicherungsmaßnahmen allerdings nicht immer goutiert. Zum „Baummörder“ werde da schnell einmal ein Forstarbeiter erklärt, berichtet Januskovecz. „Und uns wird unterstellt, dass sich die Stadt durch den Holzverkauf bloß ein Körberlgeld machen will. Doch das Gegenteil ist der Fall – die Maßnahmen kosten Geld.“

So werden die gefällten Eschen – Jungbäume, wie 100 Jahre alte – auch nicht immer veräußert. Zwar werde ein Teil als Brennholz oder Hackschnitzel verkauft, sagt der Forstdirektor. In 10 bis 15 Prozent lässt man das sogenannte Totholz im Interesse des Ökosystems aber auch bewusst zurück. Darin finden etwa Käfer einen Lebensraum vor. Im Nationalpark bleiben die gefällten Bäume ohnehin liegen. Dort werden auch keine neuen Eschen ausgepflanzt. Das regelt die Natur ganz allein.