© Boroviczeny Stephan

Wien
11/16/2012

Apotheken dürfen länger öffnen

Die neue Verordnung ist mit der Apothekerkammer akkordiert: Wochentags bis 19 Uhr, am Samstag bis 18 Uhr.

von Josef Gebhard, Elisabeth Holzer

Unsere Kunden schicken uns Briefe und Blumen, um uns zu beglückwünschen“, erzählt Sigrid Derflinger (Foto) von der Apotheke „Zum Schwarzen Bären“ am Wiener Graben. Vor dem Unabhängigen Verwaltungssenat (UVS) hat die Apotheke durchgesetzt, dass sie am Samstag nicht wie alle anderen auch zu Mittag zusperren muss, sondern auch am Nachmittag offenhalten darf.

Das ist ab 1. März allen 315 Wiener Apotheken erlaubt, haben Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) und die Apothekerkammer am Freitag ausverhandelt. Unter der Woche dürfen sie bis 19 Uhr (bisher 18 Uhr) offenhalten. Den Apotheken bleibt es überlassen, zu entscheiden, ob sie das an einem oder mehreren Wochentagen tun. Sie können die Öffnungszeiten etwa an jene der Ärzte in der Umgebung anpassen.

Am Samstagnachmittag erhalten sie die Möglichkeit, bis 18 Uhr Kunden zu bedienen, heißt es in dem Verordnungsentwurf. Das ist vor allem für Apotheken in stark frequentierten Straßen oder Einkaufszentren interessant.

Rechtlich möglich wird das durch einen zusätzlichen freiwilligen Bereitschaftsdienst. Denn grundsätzlich dürfen Apotheken nur 48 Stunden pro Woche offen haben. Weiterhin wird es jeden Tag den bisherigen Bereitschaftsdienst geben, bei dem 35 Apotheken rund um die Uhr offen haben.

„Wie viele Apotheken das Angebot nutzen, können wir noch nicht vorhersagen“, sagt Viktor Hafner von der Apothekerkammer. „Der Entwurf geht auf jeden Fall weit über die UVS-Entscheidung hinaus“, sagt Wehsely.

Zur Vorgeschichte: Zehn Jahre lang hielt die Apotheke am Graben an Samstagen bis 18 Uhr offen – ohne, dass sich darüber jemand beschwerte. Im Vorjahr flatterte dann doch eine Verwaltungsstrafe samt Konzessionsentzug ins Haus. Der Fall landete beim UVS. Laut seinem Entscheid bestimme die aktuelle Betriebszeitenverordnung des Magistrats nur darüber, zu welchen Zeiten Apotheken auf jeden Fall offenhalten müssen, nicht aber, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht offenhalten dürfen. Einziges Limit sei demnach die maximale Betriebszeit von 48 Wochenstunden.

Gutes Geschäft

Auf dieser Basis hat die Apotheke am Graben jetzt am Samstagnachmittag wieder offen – bis zum Inkrafttreten der Neuregelung vorerst bis 16 Uhr. „Wir haben am Nachmittag 400 bis 500 Kunden“, sagt Derflinger. Den Großteil machen weniger akute medizinische Notfälle aus. „Viele kaufen ein Vorsorgemittel. Oder ein Schnupfenmedikament, damit sie am Montag wieder problemlos in der Arbeit sein können.“

Probleme, Personal zu finden, gebe es nicht: „Bei Müttern mit Kindern ist er sogar sehr gefragt, weil sich am Samstagnachmittag der Vater um sie kümmern kann.“ Obendrein gebe es Überstunden-Zuschläge.

In anderen Städten ist das schon längst Usus. Etwa in Graz. Aus wirtschaftlichen Gründen nutzen diese Möglichkeit allerdings derzeit nur fünf von 60 Standorten ( siehe unten ). „Bisher gab es keinerlei Beschwerden“, sagt Gerhard Kobinger von der steirischen Apothekerkammer. „Mit der Regelung sind alle zufrieden"

Drogerien wollen mitnaschen

Am lukrativen Handel mit – rezeptfreien – Arzneimitteln wollen auch die Drogeriemärkte mitnaschen. Dies scheiterte bisher am Veto von Gesundheitsministerium und Apothekerkammer. Aufgrund der fehlenden Be¬ratungsmöglichkeit durch Fachpersonal – so eines der Argumente – sei im Sinne der Patientensicherheit eine Abgabe von Arz¬neien in Handelsketten wenig sinnvoll.

Bei dm kann man das nicht verstehen. Seit Jahren kämpft die Handelskette darum, rezeptfreie Mittel wie Aspirin verkaufen zu dürfen. „Schließlich arbeiten allein bei uns rund 800 Drogistinnen, die von der Ausbildung her sicher über das nötige Basiswissen verfügen“, betont ein Sprecher. Zusätzlich könnte man ja eine Art pas¬sive Beratung, etwa über Info-Terminals, anbieten. Viel mehr bekomme man meist auch nicht, wenn man in der Apotheke sein Aspirin kaufe.

Aus rechtlichen Gründen ist dm derzeit in Österreich nur eine Kooperation mit einer Schweizer Versandapotheke möglich. Sie vertreibt via Tschechien rund 400 Arzneien mit österreichischer Zulassung. Die Produkte seien um bis zu 40 Prozent günstiger, bisher gebe es rund 100.000 Kunden.

Am Samstag wird Kosmetik gekauft

„Wir haben nicht lange überlegt, sondern sofort zugeschlagen.“ Gert Verdino bereut die Entscheidung, auch am Samstagnachmittag offen zu halten, keine Sekunde. „Für mich zahlt’s sich aus.“

Die Bärenapotheke mitten in der Grazer Innenstadt ist eine von fünf Grazer Apotheken, die sich nicht an die übliche Sperrstunde Samstagmittag halten. Ermöglicht hat das eine Regelung der Stadt Graz als Bezirkshauptmannschaft, die die Öffnungszeiten vor fünf Jahren ausgeweitete.

Verdinos Apotheke liegt in der belebten Herrengasse, einer Einkaufsstraße, die anderen in Einkaufszentren; in Seiersberg in Graz-Umgebung hält die Apotheke im Einkaufszentrum ebenfalls offen.

Einkaufszentrum, Einkaufsstraße: Das erklärt, warum nur so wenige mitmachen. „Wir haben die notwendige Frequenz an Kunden, damit sich das lohnt“, schildert Verdino. „Wir haben gleich viele Kunden wie an den anderen Wochentagen auch.“ Allerdings be¬merke er im Kaufverhalten einen Unterschied: Die Kunden, die Samstagnachmittag zu ihm kommen, kauften „sehr viel Kosmetik. Manchmal hat auch einer ein Rezept dabei, das er gerade eingesteckt hat. Aber extra wegen einem Rezept kommt kaum jemand.“

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