Gefahr für Patienten? Ärzte alarmiert über "dreckige Luft" im OP-Saal

In internen Schriftstücken wird Kritik wegen Problemen mit den Klimaanlagen laut. Dadurch werde der OP-Bereich „kontaminiert“, Patienten seien in Gefahr. Die AKH-Leitung widerspricht.
OP-Saal  im AKH (Symbolbild): Mediziner klagen über wiederkehrende Lüftungspannen.

Bei Sauberkeit und Hygiene in Operationssälen darf es keinerlei Kompromisse geben. Doch nun tauchen ausgerechnet im Wiener AKH – dem Herz der heimischen Spitzenmedizin – Zweifel auf, dass die strengen Standards tatsächlich auch immer eingehalten werden. Denn aus dem größten heimischen Krankenhaus dringen brisante interne Nachrichten über mögliche Missstände in den OP-Sälen.

So geht aus diesen Mails und Textnachrichten, die dem KURIER zugespielt wurden, hervor, dass es offenbar immer wieder Probleme mit der Frischluftzufuhr über Klima- respektive Lüftungsanlagen gibt. Ausgerechnet während Operationen seien die Anlagen in den OP-Sälen „bereits mehrfach“ ausgefallen. „Ebenfalls ging das Licht aus“, heißt es in einer Mitteilung an AKH-Mediziner.

„Keimbelastung“ und "Komplikation bei Patientin"

Das eigentliche Problem passiere aber erst danach: „Wird die Klimaanlage vom OP-Team wieder eingeschaltet, wird berichtet, dass ein Schwall an merkbar verschmutzter Luft mit ,Dreck‘ runtergeblasen wird. Die Infektiologen haben bereits Proben genommen und eine starke Keimbelastung festgestellt.“ Weiters wird in dem Mail beklagt, dass die ärztliche Direktion „nicht mit Maßnahmen reagiert“ habe.

Es habe lediglich die Order gegeben, die Lüftung nicht wieder einzuschalten, „um Kontaminationen der Patienten gegebenenfalls zu verhindern“. Tatsächlich soll es in zumindest einem Fall eine Erkrankung gegeben haben: Bei einer Patientin sei es bereits „zu einer Komplikation mit einem Infekt“ gekommen, der „mit dem Ausfall (der Lüftung, Anm.) in Zusammenhang gebracht werden kann“.

Die Belegschaft ist bereits in Alarmstimmung, weil sie mit „herausfordernden Arbeitsbedingungen“ konfrontiert sei, die „intern aktuell nicht lösbar“ seien; weshalb man auf Prüfung einer „externen Instanz“ hofft, um die „Gegebenheiten im Sinne der Patienten und für die Angestellten“ zu verbessern. Bis dahin gelte es, weiter zu operieren, weil das Risiko für Patienten ohne nötige OP „schwerwiegender“ sei, „als sie einer potenziellen Kontamination und Komplikation auszusetzen“, heißt es.

Aus weiteren Textnachrichten geht hervor, dass zuletzt immer wieder auch OP-Säle tagelang gesperrt gewesen seien und deshalb Operationen verschoben werden mussten; und es fällt das Wort „Vertuschung“, da vonseiten der AKH-Direktion so getan werde, „als ob es eh kein Problem gäbe“.

Laut den internen Dokumenten seien gleich mehrere OP-Gruppen und -Fachbereiche der Ebene 9 im AKH betroffen. Auch ein erfahrener Chirurg, der namentlich nicht genannt werden will, kann die geschilderten Probleme bestätigen: „Mir ist das auch mitten in einer Operation passiert – die ,dirty air‘ war zweifelsfrei für alle wahrnehmbar. Aber es nutzt nichts: Bei manchen Operationen geht es um Leben und Tod, also machen wir weiter und hoffen, dass den Patienten dann nichts passiert“, berichtet der Mediziner.

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Brisantes internes Mail: Immer wieder komme es zu Ausfällen bei der Lüftung, eine Patientin sei erkrankt.

AKH: Nur zwei Vorfälle

Wie ist es überhaupt möglich, dass „dreckige Luft“ in den OP-Bereich geblasen wird und durch diese „Verkeimung“ Patienten potenziell gefährdet sind? Die MedUni Wien, die für das ärztliche Personal zuständig ist, spielt den Ball an den für die AKH-Betriebsführung zuständigen städtischen Gesundheitsverbund Wigev weiter. Und betont: „Wir werden das in den Gremien der gemeinsamen Betriebsführung thematisieren.“

Beim Wigev stellt man die Sachlage anders dar: „In den letzten Monaten gab es einen Stromausfall durch einen technischen Fehler und ein weiteres technisches Gebrechen, was jeweils nur wenige Minuten dauerte und durch die unterbrechungsfreie Notstromversorgung im OP-Bereich keine Auswirkungen hatte.“ Auf die Schilderungen von „verschmutzter Luft“ ging man in einer kurz gehaltenen Stellungnahme an den KURIER nicht ein, bestätigt aber den Verdachtsfall bei einer Patientin: Bei dieser seien „aus Sicherheitsgründen Proben genommen“ worden – „das Ergebnis war durchgehend negativ“.

Generell sei es wegen mehrerer Filterstufen „nicht möglich“, dass Partikel über die Raumluftanlage in den OP-Bereich kämen. Allerdings wird dann sehr wohl eingeräumt: „Im Bedarfsfall werden die OP-Säle von darauf geschulten Personen gereinigt und desinfiziert, sodass allfällige Partikel entfernt werden und mögliche Ablagerungen keine Rolle spielen.“ OP-Saal-Sperren und OP-Verschiebungen habe es aber nie gegeben, beteuert eine AKH-Sprecherin.

Nötige Sanierung um 5 Jahre verzögert

Kein Geheimnis ist freilich, dass der gesamte OP-Bereich im AKH sanierungsbedürftig ist: 2019 kündigte AKH-Direktor Herwig Wetzlinger im KURIER eine Modernisierungsoffensive bei laufendem Betrieb an: Ab 2021 sollten die Säle mit mehr als 60 OP-Tischen für rund 111 Millionen Euro erneuert und vergrößert werden. Nun heißt es dazu, dass das Projekt „noch dieses Jahr beginnen und voraussichtlich Ende 2028 abgeschlossen werden“ soll. Die Verzögerung im Ausmaß von fünf Jahren wird mit „laufend neuen Erkenntnissen“ während der Planungsphasen und der Corona-Pandemie begründet.

In der Patientenanwaltschaft ist die Causa noch nicht aufgeschlagen: Dort betont man, dass Mediziner etwaige Hygienemängel gerne „vertraulich“ melden können.

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