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Observation
05/10/2014

Agentenkrieg gegen Kindergarten

Der Botschafter Venezuelas kostete demonstrierender Kinderbetreuerin den Arbeitsplatz.

von Wilhelm Theuretsbacher

Der venezolanische Botschafter in Wien l√§sst Demonstrationen observieren und verfolgt Teilnehmer bis an den Arbeitsplatz. Sein j√ľngstes Opfer ist eine Kinderbetreuerin. Die Frau ist nun ihren Job los.

Am 12. April marschierten Demonstranten √ľber die Mariahilfer Stra√üe zum Burgtheater, um gegen die "diktatorischen Regierung" und die Gewalt in Venezuela zu protestieren. Der Verfassungsschutz interessiert sich kaum daf√ľr. Bei den Aktivisten handelt es sich gro√üteils um zugewanderte Menschen aus Lateinamerika, die nicht radikal und nur lose vernetzt sind. Fallweise finden sie sich √ľber Facebook zu Demos zusammen.

Nur wenige Tage nach der Kundgebung erhielt aber die Leitung eines privaten Kindergartens in Wien ein hochoffizielles Protestschreiben des venezolanischen Botschafters Al√≠ de Jes√ļs Uzc√°tegui Duque. Dem Schreiben war ein Foto von der Demo beigef√ľgt. Es zeigt in der Menge eine aus Venezuela stammende Betreuerin des Kindergartens. Das Bild stammt nicht von der Facebook-Seite der Gruppe (SOS Venezuela Austria), sondern wurde offenbar von Agenten angefertigt. Der Botschafter schreibt in w√ľtendem Ton, dass diese Demo ein "Angriff auf die demokratisch gew√§hlte Regierung" Venezuelas sei ‚Äď gleichzeitig auch ein pers√∂nlicher Angriff auf seine Person, weil er ja der offizielle Repr√§sentant des Regimes sei.

Militärgeheimdienst

Ausl√§ndische Geheimdienstaktivit√§ten bei Demos in Wien hat der Verfassungsschutz bisher vor allem im Zusammenhang mit Syrien und Iran festgestellt. Venezuela kommt nun auf der Agenten-Liste neu dazu. Da passt Al√≠ de Jes√ļs Uzc√°tegui Duque auch gut drauf. Denn vor seiner diplomatischen Karriere soll er Chef des milit√§rischen Nachrichtendienstes (DIM) gewesen sein.

Der Botschafter hatte die Kinderbetreuerin vermutlich zur Chefsache gemacht, weil auch sein eigener Sohn in dem Kindergarten untergebracht ist. Die Folgen waren f√ľr die Frau fatal: Wenige Tage sp√§ter hielt sie die K√ľndigung und schlie√ülich sogar eine fristlose Entlassung in H√§nden. Sie sieht sich jetzt nicht nur als politisches Opfer, sondern hat auch Angst um ihre Familienangeh√∂rigen in Venezuela.

Die Kindergartenleitung sieht sich aber auch selber als Opfer. Denn die K√ľndigung w√§re √ľberhaupt nicht geplant gewesen. Man hatte sogar einen couragierten Antwortbrief geschrieben, in dem auf das Demonstrationsrecht in √Ėsterreich hingewiesen wird.

Dann habe aber die Situation eine nicht mehr beherrschbare Eigendynamik bekommen. Der Angriff des Botschafters und Auftritte seiner Frau h√§tten zu einer Politisierung des Kindergartenalltages und zu Misstrauen unter Eltern gef√ľhrt. Man meinte, diese Situation nur mehr durch die K√ľndigung unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem auch eine √∂sterreichische Kollegin entnervt das Handtuch geworfen hatte, sei es nun sehr schwer, die beiden "ausgezeichneten" Kinderbetreuerinnen zu ersetzen. Der Botschafter gab dazu keine Stellungnahme ab.

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