Chronik | Wien
20.06.2012

Abschlussbericht: Gewalt in Wiener Heimen

Die Historikerkommission bestätigt psychische und sexuelle Gewalt in Wiener Kinderheimen: "Es ist eine historische Katastrophe".

Gewalt. Prügelstrafen. Kollektivstrafen. Das Essen von Erbrochenen. Sexualisierte Gewalt bis hin zu sexuellem Missbrauch. Das Bild, das die Historikerkommission von der Wiener Jugendwohlfahrt der 1950er- bis 70er-Jahre zeichnet, ist erschütternd.

Unter der Leitung von Reinhard Sieder (Institut für Sozialgeschichte der Uni Wien) präsentierte die Stadt Wien den Abschlussbericht ihrer Untersuchungen. "Es ist eine historische Katastrophe von unfassbarem Ausmaß", fasst Sieder die Ergebnisse zusammen. "Wir wissen, dass wir nichts wiedergutmachen können. Aber wir wollen zumindest ein Zeichen setzen", sagt Stadtrat Christian Oxonitsch. In stundenlangen Gesprächen wurden die Erzählungen 20 ehemaliger Heimkinder aufgezeichnet. Zusätzlich wurden drei Interviews mit Experten – einem ehemaligen Heimleiter, einer Erzieherin und einer Psychologin – geführt. Ende 2012 wird der 530 Seiten starke Bericht als Buch veröffentlicht.

Sieder erläutert darin, dass Kinder systematisch herabgewürdigt und gequält wurden. Und dass sowohl Erzieher, als auch anderes Heimpersonal sexuelle Gewalt an Zöglingen ausübten: "Die Formen sexueller Gewalt reichten vom Zwang zur oralen oder manuellen Befriedigung bis zum erzwungenen Koitus", sagt Sieder. Zu sexuellen Übergriffen kam es auch zwischen den Jugendlichen und Kindern in den Heimen selbst. Stärkere Kinder verlangten von schwächeren "homo­sexuelle Dienstleistungen". Von Teilen der Erzieher soll das zumindest geduldet, vereinzelt – wie etwa im Heim in Eggenburg – sogar gefördert worden sein. Dass es auch zu Zwangsprostiution und Serienvergewaltigungen gekommen ist, wie zwei Opfer dem KURIER schilderten, kann Sieder weder dementieren noch bestätigen: "Aber es gibt sehr detaillierte Aufzeichnungen, dass es öfters vorkam, dass Personen, die nicht zum Heim gehörten, in dieses eingedrungen sind."

Gewalt gegen Kinder war in der "autoritären Gesellschaft" damals "üblich", sagt Sieder. Hinzu kommt die mangelhafte Ausbildung der Erzieher, und dass sich Experten "wechselseitig geschützt und legitimiert" haben.

Bis jetzt wurden 769 Fälle in den Gremiumssitzungen des Weissen Rings behandelt. Für Anerkennungszahlungen stellte die Stadt Wien insgesamt 17,3 Millionen Euro zur Verfügung.

Helige-Kommission will die Verantwortlichen finden

Die Historikerkommission der Stadt Wien hat am 11. November 2010 ihre Arbeit aufgenommen. Mit dem Abschlussbericht (siehe oben) ist ihr Beitrag zur historischen Aufarbeitung der Geschehnisse in Kinderheimen der Stadt Wien getan.

Weitere Untersuchungen führt seit Dezember 2011 die "Kommission Wilhelminenberg" durch. Sie wurde gegründet, nachdem zwei Schwestern im KURIER schwerste Vorwürfe gegen das Heim auf dem Wilhelminenberg erhoben hatten.

Unter der Leitung von Barbara Helige hat die Kommission bis Ende Mai 87 Interviews mit Heimkindern geführt. Darin wurde von physischer, psychischer und sexueller Gewalt sowie von systematischer Demütigung erzählt. Auch die Namen von Erziehern wurden genannt – mit 15 von ihnen wurden Gespräche geführt.

Demnächst will die Kommission klären, wer damals die Verantwortung getragen hat und wer handeln hätte müssen.

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