Chronik | Wien
03.11.2016

500 Euro für ein schimmliges Zimmer in einem illegalen Quartier

Im Industriegebiet von Simmering fristen 40 Flüchtlinge aus Syrien auf engstem Raum ihr Dasein.

"Bitte, kommen Sie", sagt Mohammad und lädt uns in das Zimmer seiner Familie ein. Zwei Betten stehen darin, fünf Menschen wohnen darin. Mohammad, seine Frau Yasmeen und drei Kinder. Die Kinder schlafen in den Betten, Mohammad und seine Frau schlafen auf einem Teppich und Matratzen auf dem Boden. "Bitte, helfen Sie", sagt Mohammad.

500 Euro zahlt der Syrer für dieses Zimmer in einem Haus in der Leberstraße im Simmeringer Industriegebiet. Nichts lässt von außen darauf schließen, dass in dem Haus Menschen wohnen könnten. Im Untergeschoß ist eine Werkstatt untergebracht, genauso wie gegenüber. Im Obergeschoß dieses Hauses bewohnen etwa 40 syrische Flüchtlinge 13 Zimmer, die nur notdürftig mit Möbeln ausgestattet sind.

Ungeziefer

Zwei Duschen gibt es, beide schimmeln. In der Küche rostet der Elektroherd, nur drei von acht Herdplatten funktionieren. Es gibt Ungeziefer – nicht nur in der Küche.

In der Nacht, erzählt Bilal aus Syrien, würden sie seinen beiden Töchtern in die Ohren und in die Nase krabbeln. Bilal wohnt gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in einem der Zimmer. Das Ungeziefer ist hinter dem Kasten, unter dem Bett, hinter der Heizung, neben dem Fenster. "Wir müssen hier weg", sagt Bilal.

Strafantrag gestellt

Vor allem hätten Bilal und seine Familie gar nie dort sein dürfen. Denn das Haus ist illegal bewohnt. Es steht mitten im Industriegebiet, es liegt keinerlei Widmung vor, die das Wohnen dort erlaube. "Wir haben bereits einen Strafantrag eingebracht", sagt Hannes Kirschner von der Wiener Baupolizei. Vor Jahren sei das Haus, das ursprünglich als Fabrik genutzt wurde, illegal umgebaut worden. Schon kurz danach dürfte es – ebenfalls illegal – als Arbeiterquartier genutzt worden sein. "Der ganze Umbau ist aus unserer Sicht baubehördlich unzulässig gewesen", sagt Kirschner.

Das Grundstück gehört dem Wiener Eduard L., der das Haus an den Syrer Rozdeiar Y. vermietet hat. Der wiederum vermietet die Zimmer an seine geflüchteten Landsleute. 13 Zimmer à 500 Euro macht 6500 Euro monatliche Einnahmen an Y. Mietverträge gibt es nicht, Y. kassiert bar. Er beteuert, den Flüchtlingen zu helfen, Abzocke sei das nicht: "Sie lebten vorher auf der Straße, mit Kindern", sagt Y. Und 500 Euro Miete für ein Zimmer (inkl. Strom und Wasser) sei auch nicht so viel, wenn man sich die Mietpreise in Wien ansehe. Und wenn die Stadt Wien zwar Asylwerber aufnehme, ihnen dann aber nicht helfe, müsse er das eben tun.

Gegen Vermieter Rozdeiar Y. war heuer ein Verfahren wegen Mietbetrugs anhängig, er wurde freigesprochen. Gegen den Grundstückseigentümer Eduard L. wurde laut Staatsanwaltschaft Wien 2008 ein Betrugsverfahren eingestellt.

Wohnraum gesucht

Auch die Cartias war schon in dem Quartier in der Lebestraße. "Eine der Familien wird von uns betreut", sagt Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien. "Es ist schäbig, wie hier mit der Not von Menschen Geld gemacht wird." Die Caritas hat den Flüchtlingen - sie sind nur zum Teil bereits asylberechtigt - empfohlen, die Gebietsbetreuung auf ihre Situation aufmerksam zu machen oder Anzeige zu erstatten. Die Caritas selbst hat die Zustände in dem Quartier dokumentiert, allerdings keine Anzeige erstattet. Die Entscheidung darüber will man den Bewohnern selbst überlassen. Man habe den Flüchtlingen aber angeboten, dass Caritas-Mitarbeiter die Betroffenen gerne zur Gebietsbetreuung begleiten.
Privater Wohnraum für Flüchtlinge wird noch immer dringend gesucht wird. "Die Angebote sind extrem zurückgegangen", sagt Caritas-Sprecherin Michaela Sieger. Seit April dieses Jahres wurden 126 Personen in private Quartiere vermittelt. Mit Stand Oktober standen aber 222 Personen auf der Warteliste der Caritas-Wohnberatung. Für viele Asylberechtigte bleiben Privatquartiere wie jenes in Simmering oft die einzige Möglichkeit, überhaupt irgendwo unterzukommen: Das Geld für Kaution und Provision fehlt, dazu kommen Ressentiments bei der Wohnungssuche.

Das hat etwa Studentin Julia Rainer erlebt. Sie hat eine Wohnung für Mutter und Bruder ihres syrischen Bekannten Hakam (21) gesucht. Hakams Mutter und sein Bruder wohnten damals auch in dem genannten illegalen Flüchtlingsquartier in Simmering. "Vermieter reißen sich nicht wirklich darum, ihre Wohnungen Flüchtlingen zu geben", sagt Julia Rainer. Dazu kommt, dass oft ein Einkommensnachweis über die vergangenen drei Monate erbracht werden muss. Das können Geflüchtete nicht leisten. Der Erhalt der Mindestsicherung sei vielen Vermietern zu riskant, denn die kann im Falle der Zahlungsunfähigkeit nicht gepfändet werden. Ein Vermieter etwa habe Rainer wissen lassen: "Mit Asylstatus bekommt man Mindestsicherung? Geil. Ich sollte auch auswandern." Und nachdem den Vermieter für seine Wohnung "mehr als 100 Anfragen" erreich hätten, halte er die Chance von Hakams Mutter, die Wohnung zu bekommen, für "ziemlich gering".

Hakams Mutter und sein kleiner Bruder haben vor Kurzem nach langer Suche eine kleine Wohnung im 15. Bezirk gefunden. Alle anderen, die in dem illegalen Flüchtlingsquartier wohnen, suchen noch immer dringend eine neue Bleibe.

Info Wohnraumspende

Wer privat adäquaten Wohnraum spenden möchte, kann sich an die Caritas Wien wenden. Entweder per eMail unter wohnraumsuche@caritas-wien.at oder per Telefon: 01/ 890 48 31 (Montag bis Freitag, 9 - 15 Uhr).

Die Wohnberatung der Diakonie ist unter 01/905402472 oder wohnberatung.wien@diakonie.at erreichbar (Montag und Donnerstag 10 bis 16 Uhr, Mittwoch 10 bis 18 Uhr)


Anmerkung: Die KURIER-Redaktion bittet um eine sachliche Diskussion. Ansonsten müssen wir das Forum schließen.