50 Jahre Arena Wien: Wie aus einem Protest eine Eventlocation wurde
1968? Das war das Jahr der Studentenrevolten, der Hippies und das Jahr, in dem in Woodstock Liebe und Marihuana gepredigt wurden.
Ein Umbruchjahr, doch in Wien war davon zunächst nicht viel zu bemerken. Die Stadt war insgesamt grau und an den Bedürfnissen des motorisierten Individualverkehrs orientiert.
Noch 1979 war es in Wien verboten, öffentliche Rasenflächen zu betreten. Für junge Menschen hatte Wien wenig zu bieten. Bezeichnend eine Episode, die Musikmanager Edek Bartz im seinem Buch „Interessant, du, faktisch …“ schildert: Als Jimi Hendrix 1969 im Konzerthaus auftrat, legten sich viele Fans auf den Boden, um die Lautstärke auszuhalten. So etwas war man in dieser Stadt einfach nicht gewohnt.
Besetzt wurde eigentlich der Auslandsschlachthof.
Die Besetzung beginnt
Mitte der 70er-Jahre kochte alles hoch. 1976 besetzten Hippies, Künstler und junge Menschen einen alten Schlachthof in St. Marx, wo erstmals die alternative Festwochen-Veranstaltungsschiene Arena gastierte.
Kurz zuvor hatten Protestierende bei einer „Anti-Abbruch-Demo“ auf dem Naschmarkt erfolgreich verhindert, dass die Westautobahn über das Wiental bis zum Karlsplatz verlängert wurde. Diesen Schwung nahm die Protestbewegung mit, um auch den Abriss des Auslandsschlachthofes zu stoppen, wo die Firma Schöps eine Textilfabrik errichten wollte.
Im Oktober wurde die Arena ohne Widerstand geräumt.
Nach der Schlussveranstaltung, einem Konzert der Band „Misthaufen“, blieb das Publikum auf dem Gelände. Mit Flugblättern und einer Telefonaktion wurde dazu aufgerufen, in den Schlachthof zu kommen. Es kamen zunächst Hunderte, 40 von ihnen übernachteten gleich einmal dort. Konzerte, Performances und Diskussionen brachten in Folge Tausende hierher. Wiener Folk- und Rockmusiker trafen auf internationale Stars wie Leonard Cohen, der nach einem Konzert im Konzerthaus spontan in der Arena auftrat. Legendär wurde die Protestsong-Gruppe „Schmetterlinge“ rund um Willi Resetarits und Beatrix Neundlinger.
Auch die Bevölkerung unterstützte die Protestierenden und versorgte sie mit Kaffee und Kuchen. Eine Zeitzeugin schilderte in einem Interview mit dem KURIER: „Während der Besetzung stürzte die Reichsbrücke ein. Ich sah das als Symbol für den gewaltigen Ruck, der damals durch die Gesellschaft ging.“
Bis in den Oktober wurde mit der Stadt verhandelt. Als Alternativvorschlag für ein Kulturzentrum bot die Gemeinde ein denkmalgeschütztes Renaissanceschloss, das zu revitalisieren gewesen wäre. Zweite Variante war eine Lederfabrik in Meidling.
Doch der Auslandsschlachthof wurde schlussendlich ohne Einigung geräumt. Zunächst wurden Strom- und Wasserversorgung sowie die Telefonkabel gekappt, zwei Wochen später erfolgte die polizeiliche Räumung. Am 11. Oktober 1976 verließen die letzten Menschen das Areal, am 12. Oktober begann der Abriss. Wiens Woodstock war vorbei. Als Ersatz stellte die Stadt Wien den viel kleineren und eigentlich von den Aktivisten abgelehnten Inlandsschlachthof zur Verfügung. Manche Besetzer waren darüber so verärgert, dass sie das neue Areal noch jahrelang boykottierten.
Als Ersatz stellte Wien den Inlandsschlachthof zur Verfügung.
Buch und Ausstellung
„Wien war in den 70er-Jahren eine konservative, zubetonierte Stadt. Die traditionsreiche Hochkultur wurde nach wie vor gefördert; die Alternativ-, Sub- und Jugendkultur ging leer aus. Feste gesellschaftliche Normen, Arbeitslosigkeit und Chancenlosigkeit lösten Frustration bei der Jugend und unter den Kunst- und Kulturschaffenden aus. In Musik, Literatur, Theater oder bildender Kunst fanden sie ihren Ausdruck. Dafür brauchte es nicht nur Platz in der Gesellschaft, sondern auch einen physischen Ort“, schreibt das Wien Museum, das ab kommender Woche eine Sonderausstellung zeigt.
Außerdem erscheint „Die Arena. Eine Wiener Geschichte“, herausgegeben vom Verein Forum Wien Arena. Dieser zieht so Bilanz: „In den Folgejahren der Besetzung entstanden in ganz Österreich alternative Kultur- und Jugendzentren. Für die Wiener Stadtentwicklung war die Arenabewegung beispielhaft, tonangebend und ein Vorbild. Die Stadt Wien unterstützte seit der Besetzung zunehmend alternative Bewegungen, Jugendgruppen und Kulturzentren.“ Die Arena sieht sich „seit über 30 Jahren als Plattform für kulturelle und soziale Aktivitäten. Konzerte, Solidaritätsveranstaltungen, Clubbings, Internationale Top-Acts, Partys, Events aufstrebender VeranstalterInnen, Festivals, Open Airs, sowie Freiluftkino im Sommer und vieles mehr belegen die Vielfalt der Möglichkeiten, die der ehemalige Schlachthof nun als Fixpunkt in Wiens Veranstaltungsszene bietet.“
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