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Letzte Fahrt von 4020er-Zug steht bevor: Wird er fehlen?

Lange hat der blau-weiße Zug das Stadtbild geprägt. Nicht alle schwärmen vom Fahrerlebnis. Zwei unterschiedliche Nachrufe.
Ein ÖBB-4020er-Zug steht am Bahnsteig 4 in Wien Meidling, während zahlreiche Fahrgäste ein- und aussteigen.

Seit fast 50 Jahren war der blau-weiße 4020er in Wien unterwegs. Im Juli wird er das letzte Mal unterwegs sein. Ist das wirklich ein Verlust? 

Pro

Natürlich ist er in die Jahre gekommen, der 4020er. Gerade deswegen fährt aber auch viel Nostalgie mit, wenn man in einen der markanten blau-weißen Züge einsteigt. Es weht dort ganz eindeutig ein Hauch von Kindheit durch die Gänge.

Und Wehen ist ein gutes Stichwort. Die Fenster kann man in diesen Garnituren noch selber öffnen. Manchmal klemmen die Scheiben so sehr, dass man Mitreisende bitten muss, sich gemeinsam dranzuhängen, um sie runterschieben zu können. Man könnte das als Teambuilding-Maßnahme im öffentlichen Raum beschreiben. Unvergessen auch die Streitgespräche unter den Passagieren – ob man das Fenster aufmachen soll („zu stickig!“), gleich wieder zu („zu viel Luftzug!“), gleich wieder auf („zu heiß!) oder doch wieder zu („viel zu laut!“). Hier lernt man Kompromissbereitschaft.

Beim Vierer-Platz sind – anders als bei neueren Modellen – die Bänke noch weit genug auseinander, um nicht mit gegenüber sitzenden Fremden kuscheln zu müssen. Was die Sitze alles erlebt haben, im Sommer denke man nur an das Stichwort Schweiß, will man gar nicht wissen. Wegen des alles absorbierenden Stoffbezugs kann man aber so tun, als wüsste man von nichts.

Also ja, der 4020er wird fehlen. In der Erinnerung darf er weiterfahren.

von Agnes Preusser (agnes.preusser@kurier.at)

Contra

Mit der Nostalgie ist das so eine Sache. Vor einigen Jahren kam in den asozialen Medien die Forderung auf, dass Eskimo das alte Paiper-Eis wieder auf den Markt bringen soll. Ein nach Chemie mit Zucker schmeckendes Eis, das sich vor allem über den Stiel auf der Hand verteilte, statt im Mund zu landen. Der Paiper wurde wieder verkauft und verschwand schnell wieder, weil alle bemerkten, dass das Eis in Wahrheit schon immer ein Reinfall war.

 So ähnlich ist das mit den versifften 4020er-Zügen. Der Führerstand versprüht den Charme eines russischen Atomkraftwerks, die Ausstattung ist ebenfalls mau, so fehlt es an ordentlichen Toiletten und vielem mehr. Eine Umrüstung auf das nun endlich auch auf der Wiener Stammstrecke installierte neue Zugsicherungssystem ETCS würde Millionen kosten und wäre ein wirtschaftlicher Unsinn sondergleichen. 

Dafür würde man einen völlig veralteten Zug bekommen. Für ältere Menschen, für jene mit Behinderung oder Mütter mit Kinderwagen sind diese Garnituren kaum benutzbar. Seit Jahren fordern Behindertenorganisationen, dass die 4020er aus dem Verkehr gezogen werden. Vermutlich lassen sich diese, im Gegensatz zu anderem veralteten Zugmaterial, nicht einmal nach Südosteuropa verkaufen – selbst dort will sie niemand.

von Dominik Schreiber (dominik.schreiber@kurier.at)

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