Chronik | Wien 07.01.2012

3438 Schritte durch Wiens Gassen

Fußgänger-Test: Wien sucht einen Fußgänger-Koordinator. Dieter Schwab könnte es sein. Der KURIER begleitete ihn durch die Stadt.

Dieter Schwab geht. 10.000 Schritte täglich. „Ist gesund“, sagt er, als er einen Zebrastreifen in der Siebensterngasse überquert. „Wer 10.000 Schritte täglich geht, spart sich das Fitnesscenter. Zumindest behauptet das die Weltgesundheitsorganisation“, behauptet Schwab.

Der Wiener ist so was wie der erste Fußgänger der Bundeshauptstadt. Schwab hat die Agentur walkspace gegründet, die ganze Städte in Sachen Zu-Fuß-Gehen berät. Kaum einer kennt mehr Tricks, die die Menschen dazu bewegen, sich selbst zu bewegen. „Wir sind viele“, sagt Schwab. „Trotzdem spielen Fußgänger in der öffentlichen Debatte keine Rolle. Dabei ist jeder Fußgänger auch Wähler.“ Die rot-grüne Stadtregierung fahndet nun auch deshalb nach einem Fußgänger-Beauftragten. Bis April soll jemand gefunden werden.

Hadsch durch Wien

Fußgänger-Profi : Dieter Schwab glaubt zu wissen, wo man ansetzen müsste, um Wien zur Fußgänger-Hauptstadt Europas zu machen. Der KURIER spazierte mit ihm und dem Schrittzähler durch die Straßen und Gassen in Neubau
© Bild: Kurier

„Mit wenigen Mitteln könnte sich Wien zur Fußgänger-Hauptstadt Europas mausern“, glaubt Schwab. Insgesamt werden derzeit knapp 36 Prozent aller Wege in Wien mit den Öffis zurückgelegt. Für 31 Prozent der Wege wird das Auto benutzt, 28 Prozent der Distanzen legen die Wiener zu Fuß zurück. „Da ist noch Luft nach oben“, glaubt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich. Der KURIER begleitete Schwab auf einen Spaziergang: 3438 Schritte durch die Stadt.

Mariahilfer Straße Schwab sieht den Plan, die wichtigste Wiener Einkaufsstraße zur Fußgänger- oder zur Shared-Space-Zone zu machen, mit gemischten Gefühlen. „Eine totale Verkehrsberuhigung wäre nicht sinnvoll.“ Verkehr erhöhe in der Nacht das Sicherheitsgefühl. „Wer fühlt sich nachts in einer verlassenen Fuzo wohl? Niemand.“

Begegnungszonen Belgien, Deutschland und Frankreich haben die Zonen längst. Österreich sollte nachziehen, glaubt Schwab. Ähnlich wie in einer Fahrradstraße gilt Tempo 20. Verkehrsteilnehmer können die Straße gleichberechtigt nutzen. „Passiert ein Unfall, liegt die Beweislast beim Autolenker.“ In Salzburg läuft ein Pilotprojekt.

Gefahr Radverkehr Das von Rot-Grün gepriesene Rad-Mekka München sieht Schwab hingegen kritisch. „Dort wurden – wie teilweise auch in Wien – zahlreiche Radwege auf Gehsteigen errichtet“, sagt er. „Fahrradinitiativen ja, aber nicht auf Kosten der Fußgänger.“ Gratzer vom VCÖ ergänzt: „Zu schmale Gehsteige senken den Anteil der Fußgänger nachweislich.“

Leitsysteme und Ampelintervalle London macht es vor. Im Stadtteil South Kensington wurden Tafeln aufgestellt, die zeigen, welche Sehenswürdigkeit man zu Fuß in zehn Minuten erreicht. „Das erhöht die Motivation“, glaubt Schwab. Gratzer: „In New York oder London gibt es häufig Fußgängerquerungen, die diagonal über die Kreuzung verlaufen.“ Man spare so Zeit, da auch zu knappe Ampelintervalle die Fußgängerquote nachweislich senken.

Durchgänge öffnen „Fußgänger sind umwegsensibel“, sagt Schwab. „Hausdurchgänge sollten nach Möglichkeit, so wie in der Ahornergasse in Neubau, geöffnet werden, um schneller ans Ziel zu gelangen.“ Gratzer erwähnt positiv die „Landstraßer Durchgänge“ im dritten Bezirk. Für Pensionisten sollten auch die unterschiedlichen Straßenniveaus aufeinander abgestimmt werden. „Immerhin wird Wien älter. Die Zahl der Rollatoren steigt.“

Nach 3438 Schritten quer durch Neubau möchte Schwab nicht ausschließen, dass er selbst für das Amt des Fußgänger-Beauftragten kandidiert. „Mal sehen“, sagt er knapp und geht.

( Kurier ) Erstellt am 07.01.2012