Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch setzt auf Förderungen bei Deutschdefiziten und verteidigt seine Gratisnachhilfe.

© KURIER/Franz Gruber

Interview
08/26/2014

2500 Schulanfänger können nicht Deutsch

Jedes sechste Wiener Kind wird in Vorschulklassen auf den Unterricht vorbereitet.

von Elias Natmessnig, Michael Jäger

In einer Woche startet in Wien für 16.000 Kinder erstmals die Schule. 3000 Kinder nehmen dabei als außerordentliche Schüler am Unterricht teil, die meisten haben Sprachdefizite. Sie müssen in Vorschulklassen auf den Unterricht vorbereitet werden. Der KURIER sprach mit Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch über Maßnahmen der Stadt.

KURIER: 2500 Erstklässler in Wien können nicht Deutsch. Das ist fast jedes sechste Kind. Wie macht Wien hier dagegen?
Christian Oxonitsch:
Wir haben schon Maßnahmen gesetzt. Alle Kinder die Sprachdefizite haben, bekommen im verpflichtenden letzten Kindergartenjahr bereits eine Sprachförderung. Es gibt 4600 Kinder mit Sprachdefiziten im letzten Kindergartenjahr, bei den Erstklässlern sind es noch 2500. Das zeigt, dass man im Kindergarten die Sprachdefizite fast halbieren kann.

Dennoch können 2500 Kinder bei Schuleintritt kaum Deutsch. Was passiert mit ihnen?
Sie bekommen in speziellen Vorschulklassen einen Förderunterricht, zumeist in der Sprache, aber nicht nur. Denn von den 3000 außerordentlichen Kindern, die in die Schule eintreten, haben nicht alle Sprachprobleme. 500 haben andere Defizite, wie etwa soziale Defizite.

Wo sehen Sie die Ursachen für die hohe Zahl der Kinder, die nicht Deutsch können?
Wir sind auch eine Stadt der Zuwanderung, haben also Kinder, die erst knapp vor der Schulpflicht nach Wien kommen. Viele Kinder haben auch zu wenig Unterstützung aus dem familiären Umfeld. Aber viele der außerordentlichen Schüler können im Laufe des Schuljahrs in den Regelunterricht wechseln, weil ihre Defizite behoben werden konnten.

Glauben Sie, dass sie die Zahl der außerordentlichen Schüler weiter senken können?
Das glaube ich schon, eben durch Förderungen im Kindergarten. Man soll sich aber keinen Illusionen hingeben. Es wird immer Kinder geben, die ohne Sprachkenntnisse in die Schule eintreten.

Eine weitere Fördermaßnahme ist die Gratis-Nachhilfe für Schüler in Pflichtschulen. Wer bekommt das Angebot?
Kinder, bei denen die Lehrer feststellen, dass diese gefährdet sind, den Anschluss an den Rest der Klasse zu verlieren. Der Lehrer legt den Eltern dann den Förderunterricht nahe. Zwingen kann man die Schüler aber nicht.

Brauchen Volksschüler unbedingt Nachhilfe?
Der Großteil wird sicher in der Neuen Mittelschule und in der AHS stattfinden. Man merkt aber auch im Volksschulbereich, dass Kinder Förderung brauchen. Ein guter Abschluss in der Volksschule ist die Grundlage für die weitere Schullaufbahn.

Was ist nun für den Schulbeginn im Herbst konkret geplant?
Es wird 220 zusätzliche Lehrer in den Volksschulen geben, die am Nachmittag in den Fächern Mathematik, Deutsch und Lesen sowie Deutsch als Zweitsprache und Sachunterricht die Kinder fördern.

Stefan Unterberger, der Obmann der Wiener Lerntafel sagt, dass das keine Nachhilfe sei, sondern ein Förderunterricht.
Natürlich ist es nicht mit einem Einzelunterricht vergleichbar. Aber Nachhilfeinstitute bieten genauso Gruppenunterricht als Nachhilfe an. Ich sehe das Angebot als Förderunterricht, auch wenn es medial als Nachhilfe transportiert wurde.

Wie lange will sich die Stadt den Förderunterricht leisten?
So lange es das Bildungssystem notwendig macht. Wir haben bewusst kein Zeitfenster genannt. Mit einem System der Ganztagsschule würde man diesen Förderunterricht aber nicht mehr brauchen. Das würde Wien und das Budget sicher freuen.

Der Bedarf am Förderunterricht muss je nach Schulstandort unterschiedlich sein. Wo sind die Brennpunkte?
Auf die Diskussion lasse ich mich nicht ein. Sie führt dazu, dass es Schulen gibt, wo die Eltern sagen: "Da geben wir unser Kind nicht hin." Obwohl in vielen dieser Schulen sehr gute Arbeit geleistet wird. Man weiß, wo die Bezirke mit einer höheren Zuwandererzahl sind. Der 1. und der 13. Bezirk sind es nicht.

Ihr Heimatbezirk Ottakring dagegen schon eher.
Ja. Aber das ist kein Geheimnis.

Schule in Zahlen

212 Volksschulen gibt es in Wien für 56.000 Schüler.

16.000 Kinder starten im Herbst ihre Schullaufbahn.

2500 Erstklassler haben Mängel in Deutsch, sie kommen in Vorschulklassen.

20 Millionen Euro investiert die Stadt in die Gratis-Nachhilfe.

50 neue Klassen errichtet Wien jedes Jahr, um die Nachfrage abzudecken.

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