Fidela Hernandez aus La Pedrera, einem Slum in Caracas, füllt ihre Waschmaschine kübelweise bevor sie sie einschaltet

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Wissenschaftsbuch
02/04/2014

Was die Welt wirklich braucht

Mehr Waschmaschinen und gebildete Frauen, sagt die Mikrobiologin Renée Schroeder

von Martin Burger

Die Welt ist im Wandel. Während Politiker, Wirtschaftsbosse und Banker landauf, landab über Wirtschaftswachstum sprechen, das Jobs schaffe und das Pensionssystem sichere, spüren einige kluge Köpfe, dass an dieser Formel etwas nicht mehr stimmt. Einer dieser Menschen ist Renée Schroeder, Wiener Biochemikerin mit brasilianischen Wurzeln. „Das Pensionssystem ist für Menschen aufgesetzt worden, die fünf Jahre in Pension sind. Heute sind die Leute vielleicht 30 Jahre in Pension, das geht sich nicht aus.“

Auch deshalb nicht, weil die Bevölkerung in manchen Weltregionen nicht mehr wächst, etwa in Singapur, wo die Fertilitätsrate unter 1 pro Frau gesunken ist. Auch in etlichen europäischen Ländern bekommen Frauen im Schnitt nur noch ein Kind.

Schroeder macht sich in ihrem neuen Buch „Von Zellen, Menschen und Waschmaschinen“ Gedanken über eine Abkehr von der Wachstumshörigkeit. Ihr schwebt eine stärker weiblich dominierte Gesellschaft vor. „Pardon, aber wer den Längeren hat, kann nicht mehr das alles entscheidende Kriterium sein“, sagt sie. Die weibliche Welt sei eine der Qualität, die man nicht so einfach messen könne.

Wachstumsschub

Um die Frauen weltweit in jenen Bildungsstand zu versetzen, den es braucht, um mitregieren zu können, fehle es an einem konventionellen Wachstumsschub, nämlich an vielen Waschmaschinen. Weltweit waschen 2,5 Milliarden Frauen derzeit ohne Maschine, verbringen Stunden mit Feuerholzsammeln, Wassereimerschleppen und Wäscheschrubben. Hans Rosling, Professor für internationale Gesundheit, fordert ebenfalls mehr Waschmaschinen für die Welt – auch wenn Umweltschützer wegen des steigenden Energieverbrauchs abwinken. „Ich frage meine grün-bewegten Studenten, wer von ihnen seine Wäsche mit der Hand wäscht. Keiner meldet sich.“

Es ist zwei Generationen her, dass die Waschmaschine in Roslings Haushalt Einzug gehalten hat. 1960 sei die Großmutter des schwedischen Forschers während des Waschprogramms vor der Maschine gesessen und habe gestaunt, wie viel Arbeit ihr erspart blieb. Schroeder, fasziniert: „Könnten die Frauen ihre Zeit für Bildung nützen, könnten sie an der Rettung der Welt arbeiten.“

Retter sind nötig. Derzeit gebe es einfach zu viele Menschen. In acht Monaten eines Jahres habe die Menschheit das Naturbudget der Erde aufgebraucht. Das Naturbudget umschreibt jene Land- und Wasserflächen, die jene Ressourcen zur Verfügung stellen, die die Menschen konsumieren und deren Abfall aufnehmen. „Davon ausgehend, dass wir sieben Milliarden Menschen sind und fast das Doppelte von dem verbrauchen, was unsere Erde hergeben kann, würde ich sagen: drei Milliarden Menschen sind genug.“

Wir sind schon okay

Unsere Kultur sei „schon okay“, wenn wir nur die richtige Dosis fänden. Vielleicht regelt sich auch vieles von selbst: Das Bevölkerungswachstum bremst sich ein, bei neun bis zehn Milliarden werde die Weltbevölkerung um 2050 ihren Gipfel erreichen.

Die Ursachen für diese prognostizierte Verflachung der Kurve sind rätselhaft. Rosling sagt, die Verringerung der Kindersterblichkeit sei entscheidend, dass Frauen weniger Kinder bekommen. Schroeder schreibt über ein Gen, das unser Überleben sichert: Ist die abnehmende Fertilität etwas Physiologisches, das uns passiert, weil es schon eine gewisse Bevölkerungsdichte gibt? Vielleicht ist es gar nicht so sehr unser eigener Wille, sondern mehr ein Instinkt? Könnte es sein, dass wir ein Gen haben, das, wie ein Sensor, die Bevölkerungsdichte misst und die Kinderanzahl steuert?

Tipp:Am Montag, den 10.2., liest und diskutiert Renée Schroeder in der Buchhandlung Thalia W 3. Beginn ist um 19 Uhr.

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