Chronik | Welt
02.09.2017

"Gott hat mich beschützt"

Viele Häuser sind für immer verloren, nur wenige Menschen haben eine Versicherung.

Als Benny Pastoras Ehefrau Hellen an diesem sengend heißen Donnerstag wieder schlammigen Boden unter den Füßen hat, huscht ein Anflug tiefer Dankbarkeit über das Gesicht des pensionierten Mathematik-Lehrers.

Weil sein Haus durch Hurrikan Harvey 1,50 Meter unter Wasser steht, haben die Polizeichefs von Fort Bend, Troy Nehls und dessen Zwillingsbruder Trevor, spontan einen Notfalldienst eingerichtet, der Gold wert ist.

Auf dröhnend lauten Airbooten werden die Bewohner der auf zehn Quadratmeilen wie eine Badewanne vollgelaufenen "Cinco Ranch"-Siedlung im Westen von Houston in kleinen Gruppen zu ihren Häusern geschifft. Um Haustiere abzuholen, die bei der Flucht zurückgelassen wurden.

"Wenn wir Familien, die alles verloren haben, mit ihren Lieblingen wiedervereinen können", sagt der auf seine deutsche Wurzeln stolze Ordnungshüter Nehls, "dann nimmt das etwas den Schmerz und ist jede Mühe wert."

Die Folgen von Hurrikan Harvey für die Pastoras sind verheerend: Wertverlust von 250.000 Dollar. Schlussstrich nach 17 Jahren Glücklichsein an der Peripherie von Amerikas Energie-Hauptstadt. Und die bange Frage, wie lange die existenzielle Notlage angesichts fehlender Versicherung andauern wird, von der Präsident Donald Trump auch bei seinem zweiten Besuch in der Krisen-Region heute, Samstag, wieder sagen wird, dass man sie doch für alle Betroffenen "ganz bestimmt sehr zügig" lindern will.

Hurrikan-Veteranen

Dass es soweit kommen konnte, "kommen musste", ist für John und Dee Dillmann sonnenklar. Sie sind Hurrikan-Veteranen. Bis Ende August 2005 hatte das Ehepaar im French Quarter von New Orleans einen florierenden Second-Hand-Buchladen. Wirbelsturm "Katrina" hat sie erst um 70.000 Dollar ärmer und kurz danach zu Heimatvertriebenen gemacht. Im Houstoner Stadtteil Woodland Heights bietet ihr "Kaboom"-Laden heute Leseratten 100.000 eng gestapelte Bände. Und literweise Erfahrung im Umgang mit dem, was der trocken-ironische Patron "Wasser-Ereignisse" nennt. "Es hört sich vielleicht seltsam an. Aber man darf sich einfach davon nicht überwältigen lassen", sagt Dillmann, "sonst kommt man nie mehr davon weg im Leben."

Das Bevölkerungswachstum (seit 2000 knapp zwei Millionen mehr auf 6,5 Millionen) geht einher mit einem ungezügelten Boom bei der Erschließung neuer Quartiere. Weil keine Bebauungsplanung nach europäischer Tradition existiert, hat sich die Metropol-Region samt versiegelter Flächen, Einkaufszentren und Schnellstraßen immer weiter und betonlastiger in die von Natur aus sumpfige Prärielandschaft gefressen. Dillmann kennt die Konsequenz: "Der Boden kann das Wasser nicht aufnehmen. Kommt es wie schon 2001, 2009, 2015 und 2016 zu extremen Wetterlagen, steht Houston radikal unter Wasser."

Im NRG-Zentrum außerhalb der Innenstadt, wo nebenan die Football-Profis der "Texans" ihre Heimat haben, versuchen Frida Villalobos und die anderen Mitarbeiter der über 100 Jahre alten Sozial-Organisation BakerRipley die düsteren Nachrichten nicht an ihre Schutzbefohlenen heranzulassen.

30 Minuten zum Packen

Kierra Kenebrew, eine von 900 im Notquartier, ist "verdammt froh" über ihre Hilfe. Die 25-Jährige gehört zu den Hunderten Zwangsevakuierten, deren Wohnung zur Entlastung der Dämme geflutet werden musste. "Mein Auto ist hinüber. Mein Haus ebenfalls. Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht." Wir, das ist neben der jungen Afro-Amerikanerin Söhnchen Messiah, gerade vier Wochen alt. "Nicht mal 30 Minuten hatten wir Zeit, um das Nötigste zu packen", sagt die junge Mutter, "dann kam schon die Cajun Navy und hat uns abgeholt."

Für Dan Harris ist das alles sehr weit weg. Der 69-Jährige hat sich mit seinem Pitbull Bruno im Golf-Cart an der Kreuzung postiert, an der die Polizei die Straße zur Chemie-Fabrik Arkema nördlich von Houston abgesperrt hat. Dort gab es Hochwasser-bedingt mehrere Explosionen. "Demokraten denken immer sofort an Klimawandel," sagt Harris, "Republikaner wissen: Mutter Natur hat schon immer das gemacht, was sie wollte. Gegen zwei Meter Wasser richtet niemand etwas aus." Sieht Nachbar Wendell Franklin auch so. "Der liebe Gott hat mich vor der Flut beschützt. Sonst niemand."