HIV-infiziertes Kind praktisch geheilt

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Das Kind war direkt nach der Geburt behandelt worden - mittlerweile ist das Virus nicht mehr nachweisbar.

US-Medizinern ist es nach eigenen Angaben erstmals gelungen, ein bei der Geburt mit dem Erreger der Immunschwächekrankheit Aids infiziertes Kind praktisch zu heilen. Zwar sei bei dem Kind das HI-Virus nicht verschwunden, erklärten die Virologen am Sonntag bei einem Fachkongress in Atlanta (US-Staat Georgia). Aber die Menge der Viren sei nunmehr derart gering, dass das Immunsystem des Kindes sie künftig ohne weitere Behandlung kontrollieren könne.

Die infizierte Mutter hatte den Erreger bei der Geburt ihrem Kind übertragen. Weniger als 30 Stunden nach der Geburt hatten die Ärzte den Säugling mit einer antiretroviralen Therapie behandelt. Die Menge der Viren reduzierte sich, bis sich diese nach knapp einem Monat nicht mehr messen ließen. Deborah Persaud vom Uniklinikum in Baltimore sagte, offenbar habe die sehr frühe Behandlung dafür gesorgt, dass sich bei dem Kleinkind keine schwer zu behandelnden verborgenen Viren-Reservoire bilden konnten.

Experte: "Einzelfall"

Für Norbert Vetter, HIV-/Aids-Experte am Otto-Wagner-Spital in Wien, ist das "eine interessante Einzelbeobachtung". Aber: "Daraus Konsequenzen abzuleiten ist nicht möglich und gefährlich", sagte er im Gespräch mit der APA. Es sei ein "Einzelfall einer besonders aggressiven Therapie nach der Geburt". Mit dem Terminus Heilung müsse man vorsichtig umgehen, sagte er. "Die Nachbeobachtungszeit ist viel zu kurz, es kann erst die Zukunft zeigen, ob es wirklich gelungen ist, die Viren so zu beeinträchtigen, dass sie nicht wieder auftreten", sagte der Primararzt.

Vetter wies auch darauf hin, dass ein "HIV-infiziertes Kind nicht notwendig ist". Eine Infektion könne mit "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" verhindert werden. Und das dann, wenn die Schwangere über ihren HIV-Status Bescheid weiß und sich behandeln lässt, erklärte der Spezialist. Dann kann während der Schwangerschaft keine Infektion stattfinden.

Die meisten Infektionen finden während der Geburt statt, sagte Vetter. Daher müsse die Mutter rechtzeitig vor der Niederkunft behandelt werden. Zusätzlich muss das Kind nach der Geburt sofort eine antiretrovirale Kombinationstherapie erhalten und die Mutter darf nicht stillen, erläuterte Vetter. "Dann kann es nicht zu einer HIV-Infektion des Kindes kommen."

In Österreich sind HIV-infizierte Babys extrem selten, erklärte Vetter. Es gebe nur einzelne infizierte Neugeborene in den letzten Jahrzehnten. Der Experte verwies darauf, dass im Muter-Kind-Pass-Programm ein HIV-Test enthalten ist. Dadurch kann im Falle einer Infektion eine rechtzeitige Behandlung der werdenden Mutter eingeleitet werden und das noch ungeborene Baby vor einer Ansteckung geschützt werden.

Im Fall des laut Forschern geheilten Babys war die Behandlung des Säuglings mit Medikamenten gegen das HI-Virus nach 18 Monaten abgebrochen worden. Davor warnte Vetter ausdrücklich. Das dürfe "ja nicht nachgemacht werden", sagte der Experte: "Wir beobachten bei unseren Patienten ein sofortiges Wiederauftreten von hohen Viruskonzentrationen nach dem Absetzen der Therapie."

Erst eine anerkannte Heilung

Die bisher einzige anerkannte Heilung eines Aids-Patienten ist der Fall des US-Bürgers Timothy Brown, bei dem in den 90er Jahren in Berlin Aids diagnostiziert worden war. Die Heilung setzte bei dem als "Berliner Patient" bekannt gewordenen Brown ein, nachdem ihm Spender-Knochenmark transplantiert worden war, das eine seltene genetische Veränderung aufwies.

Wenn infizierte Mütter eine antiretrovirale Therapie erhalten, wird in den meisten Fällen eine Infektion des Neugeborenen verhindert. Derzeit sterben weltweit jährlich rund 1,7 Millionen Menschen an Aids und den Folgeerkrankungen. Neuinfektionen mit dem HI-Virus sind innerhalb eines Jahrzehnts um 19 Prozent zurückgegangen. Die Zahl der Aids-Toten ist seit dem Jahr 2005 um 26 Prozent gesunken.

Erstellt am 03.03.2013