Chronik | Welt
21.09.2017

Trotz Smog und Verkehrschaos: China läuft

Der Laufsport in China boomt. Die Zahl der Laufveranstaltungen nahm zuletzt rapide zu.

In China schießen Marathonläufe und ähnliche Veranstaltungen wie Schwammerln aus dem Boden. Die wachsende Mittelschicht hat das Laufen für sich entdeckt - trotz Luftverschmutzung und Verkehrschaos, überfüllter Straßen und Unfällen.

Unfälle wie jüngst in Shandong - das Video ist kaum zu ertragen, verbreitete sich aber schnell in Chinas sozialen Netzwerken: Auf einer kaum befahrenen Schnellstraße in der ostchinesischen Provinz läuft eine Gruppe älterer Menschen, als plötzlich ein unaufmerksamer Taxifahrer ungebremst in sie hineinrast und mindestens einen tötet. Chinesische Straßen sind ein gefährliches Pflaster für Läufer, doch den Jogging-Boom im bevölkerungsreichsten Land der Welt können auch solche Vorfälle nicht bremsen.

Sorgen wegen Smog

Die Werbetexterin Shao Yanna joggt mehrmals wöchentlich mit einem Dutzend Männer und Frauen durch die geschäftige Innenstadt der Wirtschaftsmetropole Shanghai. "Wenn ich länger nicht gelaufen bin, fühle ich mich schlecht und bin nicht mehr so effizient bei der Arbeit", sagt die 29-Jährige. Die Hitzewelle mit Rekordtemperaturen um die 40 Grad Celsius schreckt sie nicht: "Es ist heiß und ich werde viel schwitzen, aber es macht Spaß", betont sie mit schweißnassem Gesicht. "Ich fühle mich dann voller Energie und Leben."

Sorgen macht sich Shao eher wegen des Smogs, der Chinas Metropolen regelmäßig einnebelt: Per App checkt sie die aktuellen Schadstoffwerte - sind sie zu hoch, trainiert sie auf einem Laufband und nicht im Freien.

2011 gab es nach Angaben der Chinese Athletics Association nur 22 Marathon- und andere Laufveranstaltungen in China, dieses Jahr sollen es bereits mehr als 400 sein, 2020 nochmals doppelt so viele. Doch vor allem ältere Chinesen außerhalb der kosmopolitischen Ballungsräume betrachten das Joggen mit Skepsis. Auf entsprechende Blicke vom Straßenrand reagiert Shao trotzig: "Es macht mich stolz, weil ich etwas tue, was sie nicht wagen. Wer läuft, ist in."

Chinas Regierung unterstützt Trend

Im "Running Cat"-Studio in Schanghai coacht Xu Yun seine Kunden bei der Verbesserung ihrer Lauftechnik. Sicher gelte der Sport inzwischen als "cool", sagt der 31-jährige, eine wachsende Zahl junger Berufstätiger wolle beim Laufen aber auch einfach den Stress der langen Bürotage abbauen.

Chinas kommunistische Regierung unterstütze den Trend, weil er der Gesundheit nützt, glaubt Thomas Löffler, Finanzchef für den Großraum China beim Sportmessen-Veranstalter Messe München in Shanghai. Nach seinen Worten steht das Laufen für einen bestimmten Lebensstil: " Chinas Mittelschicht wächst und wächst, und die Leute können sich bestimmte Hobbys leisten. Das Laufen galt zu Beginn als Sport für jedermann, doch Untersuchungen zeigen, dass die Leute viel Geld für Laufschuhe, Kleidung, Flaschen und elektronische Geräte ausgeben."

Das Geschäft mit Sportausrüstung boomt: Laut Marktforschungsunternehmen Nielsen gaben Chinas Läufer 2016 im Durchschnitt umgerechnet knapp 460 Euro pro Kopf aus. In China ist laut Nielsen "ein Marathon eher eine Modenschau". Löffler zufolge sind Chinas Jogger meist gebildet und in leitenden Positionen - oder wollen dort noch hin: "Der Wettbewerb um Jobs und Universitäten ist so hoch, dass sich die Leute von der Masse abheben wollen", sagt er. "Als Läufer hat man die Chance, anders zu sein und sich damit hervorzuheben."