Chronik | Welt
30.10.2017

"Spiel’ es, (Is)Sam": Ein Besuch in Casablancas legendärer Film-Bar

Eine US-Diplomatin erweckte die Bar aus "Casablanca" zum Leben. Am Klavier spielt Issam Chabaa.

Es ist wohl eine der bekanntesten Szenen mit einem der bekanntesten Filmzitate überhaupt. Jene aus " Casablanca", in der Ilsa Lund (gespielt von Ingrid Bergman) zum Pianisten in Rick’s Café Américain sagt: "Play it, Sam" ("Spiel es, Sam").

Und als Kathy Kriger (70), Besitzerin von " Rick’s Café" in Casablanca, Marokko, vorige Woche plötzlich von der Balustrade in ihrem Café nach unten blickte und "Play it, Issam" ("Spiel es, Issam") sagte, hatte das so einige nostalgiegeschwängerte "Ahs" und "Ohs" zu Folge.

Denn Issam Chabaa begann "As times goes by" auf dem Klavier zu spielen. "Ich habe zwar keinen Sam, aber einen Issam", sagt Kriger.

Der 50-jährige Issam Chabaa ist Pianist in Rick’s Café. Eine Live-Version des berühmtesten Lieds aus dem Hollywood-Klassiker war Kathy Krigers Überraschung für Vizekanzler und Justizminister Wolfgang Brandstetter ( ÖVP), der vergangene Woche in Marokko weilte, um mit seinem Amtskollegen eine Zusammenarbeit im Strafvollzug vorzubereiten. Ein Abstecher in Rick’s Café durfte dabei nicht fehlen.

Terrorattacke

2004 eröffnete die ehemalige US-Diplomatin Kathy Kriger Rick’s Café nahe Casablancas Medina (der Altstadt, Anm.) – und erweckte damit Richard Blaines (gespielt von Humphrey Bogart) Bar aus dem legendären Film zum Leben.

Dass Rick‘s Café vor 13 Jahren tatsächlich eröffnet werden konnte, war nicht selbstverständlich. Ein Jahr davor war Casablanca Ziel verheerender Terroranschläge geworden.

33 Menschen wurden getötet, mehr als hundert verletzt. Islamistische Selbstmordattentäter hatten sich unter anderem in einem spanischen Restaurant, in einem Fünf-Sterne-Hotel und bei einem jüdischen Gemeindezentrum in die Luft gesprengt. Es war ein Angriff auf Juden und den westlichen Lebensstil. Keine einfache Zeit also, um ein weiteres westlich geprägtes Lokal zu eröffnen.

Aber Kriger war von ihrer Idee überzeugt. Seit 1998 lebte die in Portland, Oregon, geborene Amerikanerin in Marokko. Sie war Handelsdelegierte in der US-Botschaft, quittierte aber wegen der US-Interventionen im Irak und in Afghanistan nach den Anschlägen an 9/11 ihren diplomatischen Dienst. "Ich wollte etwas tun, das die wahren amerikanischen Werte zeigt", sagt Kriger.

Sie wollte einen Ort der Offenheit schaffen. Einen, an dem marokkanisch-amerikanische Völkerverbindung im Vordergrund steht.

Also suchte sie Sponsoren: "Von allen Bars in dieser Welt möchte ich, dass Sie in meine investieren", schrieb sie potenzielle Geldgeber an. Ein Zitat in Anlehnung an jene Szene, in der sich Rick betrinkt, weil Ilsa, nachdem sie ihn zwei Jahre zuvor am Bahnhof in Paris hatte stehen lassen, plötzlich in seiner Bar stand. "Von all den Bars auf dieser Welt musste sie ausgerechnet in meine kommen", sagt Rick im Film.

Übliche Verdächtige

Auf ihre Bitte an Sponsoren erhielt Kriger überwältigende Antworten. Sie bekam das Geld zusammen, gründete eine Firma mit dem Namen "Die üblichen Verdächtigen", renovierte das Haus in Casablanca und eröffnete Rick’s Café, das im Gegensatz zum Original eher ein Restaurant ist denn eine Bar.

Seit seiner Eröffnung ist das Lokal vor allem ein Touristen-Magnet, die Architektur eine Mischung aus Kolonialstil und Art-Déco: Viel Weiß, viele Rundbögen, eine Balustrade. Der Boden, auf dem das Klavier steht, ist schwarz-weiß gefliest, in jeder Ecke stehen marokkanische Lampen. "Die hab’ ich alle von Flohmärkten, die meisten aus Marrakesch", erzählt Krieger.

Dienstag bis Freitag spielt Issam Chabaa Lieder aus den 40er- und 50er-Jahren. Jeden Abend auch "As time goes by". Für die Dreharbeiten zum Film waren Humphrey Bogart und Ingrid Bergman übrigens nie in Casablanca. Rick’s Café gab es nur im Studio.