Chronik | Welt
26.06.2017

Sozialer Wohnbau: "gemanagter Verfall"

Spardruck und die Vernachlässigung sozialer Wohnbauten sind mit schuld an der Katastrophe.

Offenbar hatte es erst einer Katastrophe bedurft, um Großbritannien auf die akute Krise seiner Sozialbauten aufmerksam zu machen. Bis zum Wochenende war die Liste der Hochhäuser, deren Verkleidung aus brennbarem Material besteht, auf 60 gestiegen. Doch das ist bloß die Spitze des Eisbergs, denn von den bisher überprüften Proben hat keine einzige die feuerpolizeilichen Tests bestanden. Labours Schattenschatzkanzler John McDonnell ging soweit zu sagen, die bisher 79 gezählten Todesopfer des Großbrands im Grenfell Tower seien "durch politische Entscheidungen ermordet" worden.

Tatsächlich besteht ein Zusammenhang zwischen der Vernachlässigung sozialer Wohnbauten und dem Spardruck, der seit Beginn der Austeritätspolitik 2010 auf Gemeindeverwaltungen ausgeübt wird.

"Right to buy"

Der lange Niedergang des sozialen Wohnens begann bereits in den Achtzigerjahren, als Premierministerin Margaret Thatcher unter dem Slogan "Right to Buy" Gemeindewohnungen zum Verkauf an deren Mieter freigab. Eine Politik, an der auch die spätere Labour-Regierung nichts änderte. Während sich so der Grundstock an Sozialwohnungen reduzierte, verloren Gemeindeverwaltungen das Recht, Mittel für den Wohnbau zu borgen.

Also werden im Sozialbau-Boom der Sechziger und Siebziger hochgeschossene Wohnblöcke kosmetisch geschönt, anstatt sie durch neue öffentliche Bausubstanz zu ersetzen. Mieterinitiativen sprechen von einer Politik des "gemanagten Verfalls" seitens der Gemeindeverwaltungen, die sich von ihrer gesetzlichen Pflicht zur Versorgung der Bevölkerung mit sozialem Wohnraum immer weiter zurückziehen. Bezeichnend etwa, dass die dringlichste Arbeit der in den evakuierten Hochhäusern des Stadtteils Camden eingesetzten Handwerker nichts mit Außenverkleidungen, sondern mit von der Feuerpolizei beanstandeten Baustoffen und Leitungen im Inneren der Gebäude zu tun hatten.

Anreiz für Private

Gleichzeitig setzte die Regierung als Anreiz für private Investoren, erschwingliche neue Wohnungen zu bauen, auf Deregulierung. Erst 2014 verwehrte sich der damalige Wohnbauminister Brandon Lewis gegen die Empfehlung einer parlamentarischen Kommission zum verpflichtenden Einbau von Sprinkler-Anlagen. Solche Vorschriften, meinte Lewis, könnten potenzielle Häuserbauer "abschrecken".

Die bittere Ironie: London erlebte jüngst einen nie da gewesenen Bau-Boom an Luxuswohnungen, die Offshore-Kunden als Investitionsobjekte dienen. Während Bewohner der Hochhäuser von Camden und Kensington auf Luftmatratzen schlafen, stehen in der Stadt 22.000 erstklassige Apartments leer.