Chronik | Welt
28.06.2018

Fünf Tote bei Schießerei in US-Redaktion: Rache mögliches Motiv

Die Polizei in Maryland geht von einem Einzeltäter aus. Verdächtiger zeigt sich in Verhören nicht sehr kooperativ.

Bei einem gezielten Angriff auf eine Lokalredaktion im US-Staat Maryland hat ein Mann mindestens fünf Menschen getötet. Zwei weitere Menschen in der Redaktion der Zeitung Capital Gazette in Annapolis seien verletzt worden, teilte die Polizei am Donnerstag mit. Der mutmaßliche Täter sei festgenommen worden. Gegen die Zeitung gab es laut Polizei im Internet Drohungen.

Der Angriff ereignete sich um 14.40 Uhr Ortszeit (20.40 Uhr MESZ) in der Redaktion der Zeitung "Capital Gazette". Ein Mitarbeiter der Lokalzeitung, der während des Vorfalls anwesend war, berichtete von mehreren Toten. Reporter Phil Davis schrieb im Kurzbotschaftendienst Twitter, ein "Bewaffneter" habe "durch die Glastür ins Büro geschossen und das Feuer auf mehrere Mitarbeiter eröffnet".

"Es gibt nichts Beängstigenderes als zu hören, wie mehrere Menschen erschossen werden, während man unter seinem Tisch hockt und hört, wie der Schütze neu lädt", schrieb Davis. Gegen die Zeitung habe es Drohungen im Internet gegeben, sagte der Interims-Chef der Polizei des Bezirks Anne Arundel, Bill Krampf.

Die Zeitungsredaktion befindet sich in einem mehrstöckigen Bürogebäude in Annapolis, der Hauptstadt von Maryland, unweit der US-Hauptstadt Washington. 170 Menschen seien aus dem Gebäude, in dem sich mehrere Unternehmen befinden, in Sicherheit gebracht worden, sagte Krampf.

Jahrelange Rechtsstreit als möglicher Auslöser

Bei dem Festgenommenen, der auch mit Rauchgranaten bewaffnet war, handelt es sich den Behörden zufolge um einen Mann Ende Dreißig aus dem US-Staat Maryland. Es werde geprüft, ob er für die Drohungen verantwortlich sei, die die Zeitung im Internet erhalten habe. Nähere Angaben machte die Polizei zunächst nicht.

Nach Berichten mehrerer US-Medien handelt es sich bei dem Täter um einen 38 Jahre alten Mann aus der Region. Er fechte mit dem Blatt seit Jahren einen erbitterten Rechtsstreit aus. "Das ist das, was wir hören", sagte Polizeichef Krampf dazu nur.

Polizeisprecher Ryan Frashure bestätigte jedoch: "Das war ganz offensichtlich jemand, der eine alte Rechnung mit der Zeitung offen hatte." Es sei eine gezielte, wenngleich nicht besonders akribisch geplante Tat gewesen. Augenzeugen berichteten, wie sich der Schütze seinen Weg in Richtung der Schreibtische gebahnt hatte, wo ein Teil der Führungsmannschaft der Zeitung saß.

 

Genaueres muss die Polizei nun mühsam ermitteln. Der Tatverdächtige wurde unmittelbar nach dem Geschehen stundenlang verhört. Er sei nur bedingt kooperativ, hieß es von der Polizei. Seine Wohnung sei durchsucht werden. "Die Ermittlungen sind das, was nun am längsten dauern wird", sagte Krampf.

US-Präsident Donald Trump schrieb im Kurzbotschaftendienst Twitter, seine "Gedanken und Gebete" seien bei den Opfern und ihren Familien. Er dankte zudem allen Helfern. Seine Sprecherin Sarah Sanders twitterte: ""Eine gewaltsame Attacke auf unschuldige Journalisten, die ihren Job machen, ist eine Attacke auf jeden Amerikaner." Trump teilt immer wieder hart gegen die sogenannten "Fake News"-Medien aus, die seiner Ansicht nach falsch über ihn und seine Politik berichten.

"Neue Tragödie für den Journalismus"

Die Organisation Reporter ohne Grenzen zeigte sich "zutiefst schockiert" über den Vorfall. "Das ist eine neue Tragödie für den Journalismus, Opfer einer zunehmenden Gewalt gegen Journalisten auch in Demokratien", erklärte Generalsekretär Christophe Deloire.

Trotz des Angriffs will die Zeitung am Freitag (Ortszeit) erscheinen. Einige Journalisten arbeiteten nach der Tat mit ihren Laptops auf einem Parkdeck. Der Andruck wurde nach hinten verschoben. "Ich weiß nicht, wie viele Seiten es geben wird, aber wir arbeiten zu dritt", sagte der Reporter Chase Cook. Die 1727 in Annapolis gegründete "Capital Gazette" gehört zur größeren "Baltimore Sun".

In den vergangenen Monaten hatte es in den USA wieder zahlreiche tödliche Schießereien mit hohen Opferzahlen gegeben. Sie hatten die Debatte über Verschärfungen des US-Waffenrechts angeheizt. Trump unterstützt in dieser Debatte die mächtige Waffenlobby NRA, die Einschränkungen ablehnt.