Oscar Pristorius

© EPA/Phill

Richterin: "Es war kein Mord"
09/11/2014

Richterin: "Es war kein Mord"

Unerwartete Wende im Finale des Prozesses gegen Paralympics-Star Oscar Pistorius.

Überraschendes Finale im Prozess gegen Oscar Pistorius: Richterin Thokozile Masipa räumte den Vorwurf des vorsätzlichen Mordes aus. "Die Frage ist: Konnte der Angeklagte vorhersehen, dass er möglicherweise jemanden töten würde, als er schoss?", so Masipa. "Das ist der Schlüssel zu einer Verurteilung wegen Mordes – und die Antwort lautet Nein."

Bei einer Verurteilung wegen Mordes hätte Pistorius eine 25-jährige Haftstrafe gedroht. Die Richterin betonte in dem voll besetzten Gerichtssaal in Pretoria, Pistorius habe in dem reinen Indizienprozess ausweichend ausgesagt. Aber dies allein bedeute noch nicht, dass er schuldig sei.

Weinkrämpfe

Der beinamputierte Sprintstar, der im Februar 2013 durch die geschlossene Badezimmertür seine Freundin Reeva Steenkamp, 29, erschossen hatte, schluchzte hemmungslos, als Masipa ihre mehrstündige Urteilsbegründung vortrug. Immer wieder wurde er – wie schon in den vergangenen Prozesstagen – von Weinkrämpfen geschüttelt. Das Urteil soll heute, Freitag, verkündet werden. In Südafrika ist es üblich, dass ein Richter das Urteil erst am Ende seiner Ausführungen bekannt gibt.

Fest steht, dass die Richterin nicht genug Beweise für die Version der Staatsanwaltschaft sah, dass der einstige Paralympics-Star seine Freundin absichtlich erschossen hat. Pistorius feuerte vier Mal vom Schlafzimmer aus durch die geschlossene Tür ins Badezimmer. Reeva Steenkamp, ein 29-jähriges Model, das gerade eine Karriere als Moderatorin gestartet hatte, wurde von drei Kugeln tödlich getroffen. Pistorius hatte ausgesagt, seine Freundin versehentlich und aus Panik vor einem vermeintlichen Einbrecher erschossen zu haben.

Laut Auffassung der Richterin gibt es keinen Grund, an dieser Aussage zu zweifeln. "Diese Version der Ereignisse hat er mehreren Leuten kurz nach den Schüssen erzählt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er sich die Version eines Einbrechers so schnell ausgedacht hat", erklärte Thokozile Masipa.

"Fahrlässig"

Gleichzeitig aber warf sie dem 27-jährigen Angeklagten vor, fahrlässig gehandelt zu haben, denn er habe genügend Zeit gehabt, eine vernünftige Entscheidung zu treffen, bevor er feuerte. "Er konnte richtig von falsch unterscheiden, als er schoss", betonte die Richterin. Damit wies sie die Version der Verteidigung zurück, Pistorius sei zum Tatzeitpunkt durch eine "Angststörung" psychisch beeinträchtigt gewesen. Der Sportler plädiert auf nicht schuldig.

Die Richterin untersuchte im Prozessfinale noch einmal zahlreiche Zeugenaussagen. Sie meldete Zweifel an der Glaubwürdigkeit mehrerer Zeugen an und bezeichnete sie als "unzuverlässig". Die Nachbarn etwa, die Schüsse und Schreie in der Tatnacht gehört haben wollen, könnten sich aus vielerlei Gründen getäuscht haben, sagte Masipa. Staatsanwalt Gerrie Nel blickte zeitweise konsterniert zu Boden.

Dennoch gingen Kenner des südafrikanischen Justizwesens nicht davon aus, dass Pistorius mit einem Freispruch davonkommt, zumal er sich im Zeugenstand mehrmals in Widersprüche verstrickt hatte. Schüsse hatte das einstige Sportidol Südafrikas schon häufiger in der Öffentlichkeit abgegeben, etwa in einem Restaurant und durch ein offenes Autodach – auch wenn dabei niemand verletzt wurde. Auch für diese illegale Verwendung einer Schusswaffe in der Öffentlichkeit muss sich Pistorius verantworten. Allein dafür könnte er zu mehreren Jahren Haft verurteilt werden.

Mögliche Szenarien
Urteil Bedeutung Strafe
Vorsätzlicher Tötung (Richterin schließt dieses Urteil aus) Der Mord an Reeva Steenkamp (oder an einem Eindringling) war geplant/intendiert Freiheitsstrafe von bis zu 25 Jahren oder lebenslanger Freiheitsstrafe
Totschlag (Richterin schleißt dieses Urteil aus) Der Mord ereignete sich im Affekt, aber ohne "Vorsatz/Planung". Auch: Feuerte auf die Tür um jemanden zu töten (Dolus directus) oder wusste, dass jemand einbricht und tötete den Eindringling (Dolus eventualis) Minimum von 15 bis 20 Jahren
Fahrlässige Tötung Keine Absicht. Die Tötung ereignete sich in Zusammenhang mit mangelnder Umsicht und Sorgfalt Maximum 15 Jahren, möglich zwischen sieben und 10 Jahren
Waffenmissbrauch In zwei Fällen wegen mutmaßlichen Waffengebrauch Eine Geldstrafe oder fünf Jahre für jeden Fall
Illegaler Munitionsbesitz Wegen Besitz von 38 Patronen für die er keine Linzenz hat Eine Geldstrafe oder bis zu 15 Jahren Freiheitsentzug

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