Chronik | Welt
01.04.2018

Papst Franziskus zwischen allen Stühlen

Konservativen geht Modernisierungskurs von Papst Franziskus zu weit, Reformer wiederum hatten sich mehr von ihm erwartet.

Als „revolutionär“ charakterisiert der Gründer der römischen Tageszeitung La Repubblica , Eugenio Scalfari, Papst Franziskus in einem Interview, das vor Ostern erschienen ist. Und wie zur Bestätigung appellierte der Papst erneut an Europa, sich um arme Menschen und Migranten zu kümmern. Auch Afrika dürfe man nicht vergessen. Franziskus will, wie er betont, „eine arme Kirche für die Armen“ und die Herzen der Menschen berühren.

Seit Jorge Mario Bergoglio vor fünf Jahren zum Papst gewählt wurde, empfinden ihn wegen seines offenen Auftretens auch viele, die nichts mit der katholischen Kirche am Hut haben, als Sympathieträger. Prunkvolle Gewänder und die roten Papstschuhe bleiben im Kasten. Seine Auftritte sind herzlich, das zeigte sich auch wieder bei der wöchentlichen Audienz vor Ostern. Bei Sonnenschein fuhr er mit dem Papamobil über den Petersplatz. Während der Fahrt nahm der 81-Jährige ein Kind mit Downsyndrom ins Papamobil. Außerdem genoss er einen Schluck seines Lieblingsgetränks Mate-Tee, das ihm Landsleute aus Argentinien mitgebracht hatten.

Trotz Terrorwarnungen und strengen Sicherheitsvorkehrungen nehmen auch heuer wieder Zehntausende Pilger aus aller Welt an den Osterfeiern in Rom teil. Franziskus hat sein Versprechen, er werde „an die Peripherie“ gehen, wahr gemacht. Europa gehört nicht zu seinem Fokus, Österreich oder Deutschland schon gar nicht. Der erhoffte „Franziskus-Effekt“, dass durch ihn wieder mehr Leute in die Kirche eintreten, ist in den westlichen Ländern ausgeblieben. Seine bisher 22 Reisen führten ihn in Länder, wo er das Gefühl hat, gebraucht zu werden.

Konservative in Opposition

Durch die Ernennung von neuen Kardinälen aus Afrika, Lateinamerika und Asien behält Europa nicht mehr die Vormacht. Franziskus lädt regelmäßig Obdachlose und Flüchtlinge in den Vatikan ein. Wie es bereits Tradition hat, fuhr er am Gründonnerstag in ein römisches Gefängnis, wo er an zwölf Häftlingen, darunter zwei Muslimen, die Fußwaschung vornahm.

Der frische Wind, den Franziskus in den Vatikan bringt, stößt nicht überall auf Gegenliebe. Hinter vatikanischen Mauern habe sich eine Gegenwehr gegen Bergoglio formiert, die Vatikan-Experte Marco Politi als einen „Bürgerkrieg im Untergrund“ bezeichnet. Seinen Gegnern – dazu zählen erzkonservative Geistliche und auch einige Kardinäle – geht sein Modernisierungskurs zu weit. Der deutsche Kardinal Brandmüller kritisiert den Papst vor allem wegen seiner Öffnung gegenüber wieder verheirateten Geschiedenen. Auch der deutsche Kardinal Müller ist kein Freund von Franziskus – da dieser seine Amtszeit als Leiter der Glaubenskongregation nicht verlängert hat.

Konservative Kreise stoßen sich nicht nur an der päpstlichen Toleranz gegenüber Wiederverheirateten oder Homosexuellen. Sie kritisieren auch angestoßene Diskussionen über die Zukunft des Zölibats. Barmherzigkeit gegenüber Einzelnen scheint Franziskus jedoch tendenziell in der Praxis wichtiger als das Einhalten der strikten Kirchenlehre. Die Reform der Kurie, die eine strukturelle Veränderung der Kirchenverwaltung vorsieht, kommt nicht voran. Kurien-Mitarbeiter sind laut einem Vatikan-Insider unzufrieden. Die „rechte Hand“ wisse oft nicht, „was die linke Hand“ tue. Doch der Pontifex ist auf Leute angewiesen, die seine Vorschläge umsetzen.

Kritik kommt aber nicht nur aus der konservativen Ecke. Auch wer sich mehr Öffnung der Kirche, etwa gegenüber Frauen, erwartet hatte, ist enttäuscht. Die irische Frauenrechtlerin Mary McAleese äußerte kürzlich ihren Unmut: Die katholische Kirche sei „ein Ort der Frauenverachtung, wo es keine „weiblichen Rollenvorbilder“ gebe. Das Verbot der weiblichen Priesterschaft habe Frauen von jeder „bedeutenden Führungsrolle in der Kirche“ ausgeschlossen.

Sexueller Missbrauch

Nicht zuletzt wird auch Franziskus’ Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche bemängelt. „Da hat man sich mehr erhofft“, sagt ein Kirchenexperte. Bei seiner Chile-Reise im Jänner verteidigte der Papst auch einen Bischof, der einen pädophilen Geistlichen gedeckt haben soll, und stieß die Opfer damit vor den Kopf. Auch wenn sich Franziskus später für seine Wortwahl entschuldigte, blieb ein bitter Nachgeschmack.

Die päpstliche Kinderschutzkommission kommt mit der Arbeit ebenfalls nicht richtig voran. Doch bei aller Kritik: Franziskus geht trotz Gegenwind entschlossen seinen Weg.

Irene Mayer-Kilani, Rom