Chronik | Welt
29.12.2011

Ohne Plan in die Tauschwirtschaft

Sowjetunion - Ende der Serie: Die langjährige Osteuropa-Expertin des KURIER, Jana Patsch, erinnert sich an den Alltag im Versuchslabor des Sozialismus.

Tausche Klavier gegen Kuh – bitte keine Geldangebote.“ So lautete eine Annonce in einer Lokalzeitung im west-ukrainischen Uschgorod Mitte Jänner 1992. Die Sowjetunion hatte knapp drei Wochen zuvor offiziell aufgehört zu existieren. Die Vision, den Kapitalismus zu schlagen, war nicht aufgegangen. Die Planwirtschaft war pleitegegangen. Der Rubel hatte jeden Wert verloren. In den Medien tauchten Berichte über eine drohende Hungerkatastrophe in der Ukraine auf – jenem Land, das einst als Kornkammer bekannt war.

Spontan wurde in Wien eine private Mini-Hilfsaktion gestartet: Medikamente, Packerlsuppen, Kaffee und einige Hygieneartikel wurden zusammengeschnorrt und in einen Mittelklasse-Pkw gestopft. Die begehrtesten Mitbringsel aus dem Westen wären allerdings Glühbirnen gewesen. In den öffentlichen Gebäuden der Ukraine, selbst in Spitälern baumelten nur leere Fassungen von den Decken. Die Leuchtkörper war vermutlich von Mitarbeitern gestohlen worden. Die wenigen Glühbirnen, die verblieben waren, trug man bei sich und schraubte sie nur dort ein, wo man sich gerade aufhielt.

Frieren bei der Vorlesung

In der 100.000-Einwohner-Stadt Uschgorod war auch die Fernheizung zusammengebrochen. Das Zierbecken in der Eingangshalle der Uni war eingefroren. Professoren und Studenten zogen sich bestenfalls bei den Vorlesungen die Handschuhe aus. Zudem gab es an den Tankstellen weder Benzin noch Diesel. Treibstoff von fraglicher Qualität wurde in Flaschen unter der Hand verkauft. In einem Schuhgeschäft im Zentrum der Stadt prangten mitten im Winter zwei Paar Gummistiefel und weiße Damen-Sandalen in der Auslage sowie ein erfrorener Asparagus im Topf.

Kleinkinder wurden jahrelang gestillt, denn Babynahrung und auch Schokolade kannten die Ukrainer nicht – oder nur aus den Devisen-Läden, die es in den großen Städten der UdSSR gegeben hatte. Eine Packung importierter Wegwerfwindeln (lokale Produktion gab es nicht) kostete zwei Monatsgehälter eines Hochschulassistenten. Menschen mit Kleingärten waren diejenigen, die von der Krise wirklich profitierten. Für ihre Produkte konnten sie in der Stadt, wo die Leute kein Gemüse anbauen konnten, jeden Preis verlangen, denn in den staatlichen Lebensmittelgeschäften gab es nur Konserven, braune Teigwaren, Zucker aus Kuba, fettes Fleisch, Kraut und Erdäpfel.

 

Überlebenskunst

Ware wurde gegen Ware getauscht. Brauchte man Ziegel, montierte man einfach einen Heizkörper in einem öffentlichen Gebäude ab – und tauschte ihn gegen Baumaterial ein.

Das Tauschgeschäft hielt das Wirtschaftsleben in der ehemaligen Sowjetunion nicht nur im Privatbereich aufrecht. Ganze Industriezweige wickelten ihre Geschäfte mit Gegengeschäften ab. Sogar die betriebseigenen Kantinen wurden nur im Tausch gegen Güter mit Lebensmitteln beliefert.

Die Fabrikdirektoren bezahlten ihre Mitarbeiter mit den Ladenhütern ihrer eigenen Produktion. Die Geprellten versuchten, die Produkte – vom Kristallluster über Plüschtiere bis zu Bettüberzügen – dann auf eigene Faust abzusetzen. Die Fernstraßen waren von Händlern wider Willen gesäumt. Diese absolut perfektionierte Kunst des Überlebens und die unfassbare Leidensfähigkeit sind die Antwort auf die Frage westlicher Beobachter, wieso bei den Bürgern der Ex-UdSSR keine größeren Revolten ausbrachen.

Neue Währung

Am 10. Jänner 1992 hatte jeder Ukrainer 200 Kupons erhalten, die Karbowanzi hießen. Ein Hendl auf dem Markt kostete 100 Kupons. Der Karbowanez (Singular) war eine Übergangswährung, die so aussah wie das Spielgeld bei Monopoly. Diese Kupon-Noten, die keine Seriennummern trugen, hatte die ukrainische Regierung für 38 Millionen Dollar in Frankreich drucken lassen.

Ursprünglich wollte die Regierung nur Lebensmittel für das neue Zahlungsmittel abgeben. Nach drei Tagen wurden jedoch auch die Preise für fast alle Konsumgüter umgestellt. Nur noch Fahrscheine für Verkehrsmittel und einige Dienstleistungen waren für Rubel zu haben. Da die Ukrainer in den vergangenen Dekaden etwas Geld gehortet hatten, sorgte die Einführung der Ersatzwährung für Panik.

Flucht in Devisen

Viele fürchteten die Entwertung ihrer Ersparnisse. Vor den Banken standen lange Menschenschlangen, die sich nicht einmal nachts auflösten. Die Flucht in Devisen war ausgebrochen. Nach galoppierender Inflation fünf Jahre später wurden die Karbowanzi durch die bis heute gültige Hriwna ersetzt. Jahrelang war der US-Dollar die Parallel-Währung.
Aus dem einst feindlichen Westen begann humanitäre Hilfe nach Russland zu fließen. In Moskau fiel den Empfängern auf, dass das Haltbarkeitsdatum der verteilten Lebensmittel oft abgelaufen war. Manche fanden in den Paketen sogar kalorienarme Diätprodukte und Abführschokolade.

Mit dem Einzug der Freiheit zog auch die Kriminalität ein. Die Menschen, die bisher keine Sicherheitsschlösser kannten, waren total überfordert. Anarchie und Korruption explodierten. Die hastigen Privatisierungen uferten in Raubkapitalismus aus. Die Politik geriet immer mehr unter den Druck aufstrebender Wirtschaftsoligarchen.

Krise

Der post-sowjetische Raum stürzte in eine tiefe Wirtschaftskrise, das Bruttoinlandseinkommen Russlands ging auf die Hälfte zurück. Löhne und Pensionen wurden nur sporadisch ausbezahlt. Der Verlust der Weltmachtstellung belastete zusätzlich die Psyche. Die von den meisten vorherigen Sowjet-Teilrepubliken mit dem Ziel eines gemeinsamen Wirtschafts- und Sicherheitsraumes gebildete Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) funktionierte nicht wirklich.

Russlands Premier Wladimir Putin nannte den Zerfall der Sowjetunion einmal „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Er sprach vielen Russen aus der Seele. Populistisch, wie Putin ist, denkt er nun, zwanzig Jahre nach dem UdSSR-Zerfall, laut über die Gründung einer Eurasischen Union nach.

Fakten: Bis zum Jahr 2000

Präsident Boris Jelzin, nach dem misslungenen Putsch als Retter der Demokratie gefeiert, enttäuscht bald. Gezeichnet vom körperlichen Verfall durch Alkohol, kann er die Kriege in Tschetschenien nicht verhindern, die notwendigen Reformen bleiben aus. In seinen acht Amtsjahren wächst eine halb kriminelle Schicht von Oligarchen heran. Der Staat gerät unter die Kontrolle einer Hand voll Dollar-Milliardären. In die Vetternwirtschaft ist auch Jelzins Familie involviert. Ein massiver Kapitalabfluss löst eine Finanzkrise aus, der Wertverlust des Rubel beträgt 60 Prozent.

Eine der ersten Amtshandlungen des Nachfolgers Putin ist ein Dekret, das Jelzin und seinem Clan lebenslange Immunität vor Strafverfolgung garantiert.

Mit der Zerschlagung der UdSSR mutieren Millionen Menschen in den neuen Staaten zu Ausländern, obwohl sie seit Generationen vor Ort lebten. 25 Millionen Russen bleiben außerhalb der Grenzen Russlands. Eine Migrationswelle bricht aus, viele Russen wollen nach Russland, was angesichts der Wohnungsmisere schwierig ist. Zudem drängen Zehntausende Arbeitslose aus den armen Republiken ins boomende Moskau.

Ende der Serie

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Bilder