"New York Times" plädiert für Cannabis-Legalisierung

File photo of Marijuana plants displayed for sale
Foto: REUTERS/DAVID MCNEW   

Das Verbot sei unzeitgemäß, schreibt das Qualitätsblatt und zieht Parallelen zur Prohibition.

Es darf als Zäsur gewertet werden: Eines der angesehensten US-Presseorgane, die New York Times, hat sich für die Legalisierung von Cannabis ausgesprochen. In einem Aufsehen erregenden Leitartikel vom Samstag wurde das seit mehr als vier Jahrzehnten gültige Verbot mit den Zeiten der Prohibition von 1920 bis 1933 verglichen, als Herstellung und Verkauf von Alkohol in den Vereinigten Staaten strikt untersagt waren.

Dazu hieß es, Cannabis-Sucht bringe im Vergleich mit Alkohol- und Tabakabhängigkeit "relativ geringfügige Probleme" mit sich. In dem Leitartikel wiesen die Autoren darauf hin, dass genussfreudige Menschen schon während der Prohibition weitergetrunken hätten, wodurch "gesetzestreue Bürger zu Kriminellen gemacht wurden und Verbrechersyndikate ihre Blütezeit erlebten".

Rassistische Auslegung

Außerdem seien heute junge schwarze Männer laut FBI-Statistiken eindeutig die Hauptleidtragenden des im Ergebnis "rassistischen" Cannabis-Verbots. Auch US-Präsident Barack Obama wies bereits darauf hin, dass arme Jugendliche, die gesellschaftlichen Minderheiten angehören, häufiger für Marihuana-Konsum ins Gefängnis wandern als besser situierte Altersgenossen. Nach Angaben der US-Bundespolizei gab es 2012 über 650.000 Festnahmen wegen Marihuana-Besitzes - wesentlich mehr als bei Kokain, Heroin und verwandten Drogen.

Zwar sprach sich die New York Times in ihrem - auch redaktionsintern kontrovers diskutierten - Beitrag dafür aus, den Verkauf von Marihuana an Heranwachsende unter 21 Jahren zu verbieten. Für gesunde Erwachsene scheine "moderater Konsum" aber keine Gefahr darzustellen, weshalb das vor mehr als vier Jahrzehnten vom Kongress auf Bundesebene erlassene Verbot unzeitgemäß sei.

In den kommenden Tagen will die NYT laufend Beiträge zu dem Thema bringen und fordert ihre Leser auf, sich einzubringen.

Anfang Juli ist der US-Staat Washington dem Beispiel von Colorado gefolgt: Seitdem ist es auch hier für Bürger über 21 Jahre legal, Marihuana zu kaufen und zu konsumieren. In Colorado dürfen Erwachsene seit Jahresbeginn Gras nicht nur zu medizinischen Zwecken kaufen und konsumieren. 23 Bundesstaaten sowie die US-Hauptstadt Washington erlauben den Konsum unter Auflagen zu medizinischen Zwecken.  Auf Bundesebene bleibt Cannabis weiter illegal.

Alkohol verus Cannabis: Welche Droge ist gefährlicher?

Welche Rauschwirkungen gibt es?
Cannabis: Die psychoaktiv wirksamste Substanz in Cannabis ist Tetrahydrocannabinol (THC). Der Konsum führt zu Wohlbefinden, leichter Euphorie und wirkt appetitanregend. Außerdem beeinflusst Kiffen die Wahrnehmung, lindert Schmerz, entspannt die Muskeln und verstärkt Gefühlszustände sowie Sinneseindrücke. Distanz, Entfernung und Geschwindigkeit werden anders empfunden. Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit sind beeinträchtigt. Auch Verwirrung, Angst und Panikzustände sind möglich. Alkohol: "Alkohol ist primär antriebssteigernd und kann auch euphorisierend wirken. Je nach Dosis erhöht Alkoholkonsum die Aggressivität und kann in sehr hohen Dosen eine sedierende Wirkung haben", sagt Toxikologe Rainer Schmid. Hohe Alkoholmengen können depressionsfördernd sein. Auch "Filmrisse" sind möglich. Es kann zu Blackouts kommen, die das Verletzungsrisiko erhöhen. Ein Rausch bedeutet eine massive Vergiftung des Körpers. Kann man abschätzen, wie stark mit einer bestimmten Konsummenge ein Rauschzustand ausfallen wird?
Cannabis: Der THC-Gehalt eines Joints ist nicht standardisiert – wild wachsender Cannabis weist einen THC-Gehalt von etwa fünf Prozent auf, gezüchtete Hybrid-Sorten können 15 Prozent und mehr enthalten. "Man kann z.B. ein Glas Whiskey oder Wein trinken, genauso kann ich zu Cannabissorten mit 20 Prozent THC-Gehalt greifen oder zu solchen mit fünf Prozent", sagt Schmid. Allerdings ist das für den Konsumenten oft nicht ersichtlich. Alkohol: Der Alkoholgehalt wird bei Getränken meist in Volumenprozent angegeben und ist am Etikett nachlesbar. Allerdings ist beim Alkohol die Toleranzschwelle sehr unterschiedlich. Manche wirken mit einem Blutalkoholgehalt von einem Promille noch nüchtern, andere zeigen bereits massive Rauschzeichen. Welche Langzeitfolgen können auftreten?
Cannabis: "Bei Pubertierenden kann Kiffen Auslöser von Schizophrenie und chronischen Psychosen sein. Das Gehirn befindet sich noch in Entwicklung und reagiert – wie auch bei Alkohol – empfindlicher", so Schmid. Kiffen mache aber nicht dumm, wie ein Klischee behauptet. Chronische Cannabis-Raucher können Lungenprobleme entwickeln. Ein Joint wirke laut Schmid etwa drei bis fünf Mal so schädlich wie Zigaretten, da der Rauch meist tiefer inhaliert wird und länger in der Lunge bleibt. Alkohol: Besonders bei jungen Erwachsenen kann die kognitive Leistungsfähigkeit durch intensiven Alkoholkonsum beeinträchtigt werden. Jeder schwere Rauschzustand verursacht ein Absterben von Gehirnzellen – da das Gehirn erst mit 18 vollständig entwickelt ist, sind die Folgen bei Jugendlichen besonders stark. Zudem wird das Gehirn früh auf ein Suchtverhalten programmiert, das gute Stimmung automatisch mit Alkoholkonsum in Verbindung bringt.  Hinzu kommen im Unterschied zu Cannabis nach langjährigem starkem Konsum schwere körperliche Schädigungen etwa der Leber. Sowohl für Cannabis als auch für Alkohol gilt: Je früher Konsumenten damit beginnen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für Langzeitschäden. Welche sozialen Auswirkungen sind möglich?
Cannabis: Die Substanz THC kann das Erinnerungsvermögen sowie die Lernfähigkeit beeinträchtigen, "es kommt zu einem Motivations- und Interessensverlust", so Schmid. "Häufiger Konsum kann daher vor allem bei jüngeren Personen während einer Ausbildung zu Problemen führen", heißt es in einer Broschüre des "Institut Suchtprävention" in Linz. Alkohol: Unter Alkoholeinfluss steigt die Gewaltbereitschaft. Die Fähigkeit zu echter Kommunikation nimmt ab, das Interesse an der Umwelt geht zurück, Betroffene ziehen sich mehr und mehr zurück – mit massiven Folgen für Beruf und Familie. Wie steht es um das Suchtpotenzial?
Cannabis: Das Suchtpotenzial ist geringer als bei Alkohol. "Kiffen macht psychisch abhängig, man muss aber eher von Gewöhnung sprechen. Körperliche Entzugserscheinungen gibt es nicht. Trotzdem kann es für Betroffene massiv beeinträchtigend sein, wenn sie keinen Zugang mehr zu Cannabis haben", so Schmid. Alkohol: Hier besteht ein sehr hohes Suchtpotenzial, was laut Schmid auch damit zusammenhänge, dass Alkoholkonsum kulturell legitimiert ist. "In unserer Gesellschaft sind wir eher bereit, einen Alkoholiker zu akzeptieren, als jemanden, der sich dauernd einkifft."  Rund 350.000 Menschen in Österreich sind alkoholabhängig. Gibt es auch einen risikoarmen Konsum?
"Unabhängig davon, ob legal oder illegal, ist es sowohl bei Alkohol als auch bei Cannabis möglich, als Genuss zu konsumieren und sich an anderen Tagen dagegen zu entscheiden. So wie ich beim Alkohol heute ein Glas Wein trinken kann und morgen nicht, kann ich auch bei Cannabis die Entscheidung treffen", meint Schmid. Kann der Konsum tödlich sein?
Cannabis: Eine tödliche Überdosis ist nicht bekannt.
Alkohol: Ab 2,5 Promille besteht bei vielen Menschen Lebensgefahr. Sind Cannabis und Alkohol Einstiegsdrogen?
Cannabis: "Cannabis-Konsum bedeutet nicht, später automatisch zu anderen illegalen Substanzen zu greifen", so das Institut Suchtprävention. Häufig seien herkömmliche Zigaretten und Alkohol die Einstiegssubstanzen. Allerdings ist Cannabis der Einstieg in den illegalen Drogenmarkt, Kontakt mit anderen Substanzen wird dadurch wahrscheinlicher. Alkohol: In vielen Fällen ist er der erste Kontakt von Jugendlichen mit einem Rauschmittel.  In den vergangenen Jahren ist das Einstiegsalter in Österreich auf elf bis 13 Jahre gesunken. Mehr zu den gesundheitlichen Wirkungen von Cannabiskonsum...

(apa / aho ) Erstellt am
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