Chronik | Welt
12.12.2017

#meToo, Mr. President

Bei Prozess in New York könnte es eng werden.

In Amerika vergeht gerade kaum ein Tag, an dem nicht eine große (männliche) Figur aus Unterhaltung, Film, Politik, Fernsehen und Wirtschaft unter der Wucht der von Frauen vorgebrachten Vorwürfe über Machtmissbrauch durch sexuelle Belästigung gefeuert wird oder zurücktritt. Nur einer lässt alles an sich abprallen: Donald Trump. Der Mann, über den im Wahlkampf der berüchtigte Pussy-Grapscher-Mitschnitt bekannt wurde. Ein Gespräch mit einem TV-Moderator, in dem Trump im Kern eines sagt: Wenn Du berühmt bist, kannst Du mit Frauen alles machen, ergo: ihnen auch ungestraft in den Intimbereich fassen.

Der Mann, den mindestens 13 Frauen bereits vor Monaten offiziell beschuldigt haben, sie ungebeten geküsst und begrapscht zu haben. Was der Präsident mit der lapidaren Erwiderung bedachte: alles gelogen. Bisher hat das funktioniert.

Die aus dem Fall des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein entstandene "meToo"-Bewegung, in der Frauen teilweise Jahrzehnte zurückliegende Horror-Erlebnisse beschreiben, hat aber eine neue Dynamik ausgelöst, die Trumps Berater in Unruhe versetzt.

Vier Senatorinnen und Senatoren der Demokraten, darunter die potenzielle Präsidentschaftskandidatin für 2020 Kirsten Gillibrand, forderten Trump zum Rücktritt auf. Samantha Holvey, Jessica Leeds und Rachel Crooks, drei Opfer des Präsidenten, schilderten gerade erstmals öffentlich und gemeinsam en detail ihre Fälle und verlangten eine Untersuchung des Kongresses.

Während bei den Demokraten mit Senator Al Franken und dem dienstältesten Kongress-Abgeordneten John Conyers zwei Schwerkaliber im Strudel der gegen sie vorgebrachten Anschuldigungen untergegangen und zurückgetreten sind, was Trump ausdrücklich begrüßte, hielt der Präsident bis zum Republikaner Roy Moore . Der erzkonservative ehemalige Richter aus Alabama soll sich in jungen Jahren mehrfach an Teenagern vergriffen haben.

Wacht Amerika heute nach der Wahl im Südstaat mit Moore als Senator auf, so heißt es im Umfeld des Weißen Hauses, "wird Trump sich in seiner Strategie bestätigt fühlen". Die da ausweislich einer aktuellen präsidialen Twitter-Nachricht lautet: Die Medien verbreiteten durchweg "falsche Anschuldigungen" und "fabrizierte Geschichten" über Frauen, "die ich nicht kenne oder die ich nie getroffen habe".

Die "Lügnerin" klagt

Im Fall eines Sieges des demokratischen Kontrahenten Moores in Alabama, Doug Jones, sagen die gleichen Experten, bekäme das Bild der "Unbesiegbarkeit" Trumps "möglicherweise dicke Kratzer". Hier spielt der Fall Summer Zervos eine Schlüsselrolle. Die frühere Kandidatin in Trumps TV-Show "The Apprentice", die von Trump belästigt worden sein soll, klagt vor einem Gericht in New York, weil Trump sie als Lügnerin verunglimpft hatte. Kommt es zum Prozess, "brechen Dämme", sagen Strafrechtler. Begründung: Andere Trump-Opfer würden dann ebenfalls im Zeugenstand landen.

UN-Botschafterin Nikki Haley soll Trump zum Toben gebracht haben, als sie sagte, sie sei "unglaublich stolz" auf Frauen, die ihre Erfahrungen berichten. Ob das auch für die Trump-Anklägerinnen gilt? Darauf Haley: "Wir sollten Frauen zuhören, wen immer sie beschuldigen."

Trump durch Belästigungsvorwürfe unter wachsendem Druck

In der Debatte um sexuelle Belästigungen wächst der Druck auf US-Präsident Donald Trump. 54 Abgeordnete der oppositionellen Demokraten fordern, dass der Kongress die von Frauen erhobenen Beschuldigungen gegen den Präsidenten untersuchen soll. Im Senat verlangen inzwischen fünf Vertreter der Opposition seinen Rücktritt. Der Präsident wehrte sich am Dienstag wütend gegen die Vorwürfe.

Er versuchte, sie als politisches Manöver abzutun. Nachdem die Demokraten vergeblich illegale Verbindungen seines Teams nach Moskau nachzuweisen versucht hätten, wendeten sie sich jetzt den "falschen Anschuldigungen und erfundenen Geschichten" über von ihm begangene Übergriffe gegen Frauen zu, schrieb Trump im Kurzbotschaftendienst Twitter. Er kenne diese Frauen nicht "und/oder habe sie nie getroffen".

Die Senatorin Kirsten Gillibrand griff der Präsident persönlich hart an. Sie gehört zu den Oppositionsvertretern, die seinen Rücktritt verlangen. Die Vertreterin des Bundesstaats New York sei ein "Leichtgewicht", twitterte Trump. Vor "nicht so langer Zeit" habe sie bei ihm noch um Wahlkampfspenden "gebettelt". Er verband dies mit der zweideutigen Bemerkung, dass Gillibrand dafür "alles zu tun" bereit gewesen sei.

"Sexistische Schmierkampagne"

Die Senatorin wies die Attacke als "sexistische Schmierkampagne " zurück. Der Präsident wolle sie damit zum Schweigen bringen, sagte sie. Doch könne Trump nicht die "Millionen von Frauen" zum Schweigen bringen, welche die von ihm ins Oval Office gebrachte "Schande" anprangerten.

Insgesamt 16 Frauen werfen Trump vor, sie sexuell bedrängt und betatscht zu haben. Drei von ihnen forderten am Montag bei einer Pressekonferenz in New York den Kongress auf, diese Anschuldigungen gegen den Präsidenten zu untersuchen, womit sie bei den Demokraten großen Widerhall fanden.

Die Belästigungsvorwürfe gegen Trump waren bereits während des Wahlkampfes aufgekommen. Seit seinem Amtsantritt waren sie aber von der Affäre um mögliche illegale Absprachen zwischen dem Trump-Team und Moskau in den Hintergrund gedrängt worden.

Debatte kommt zurück

Im Zuge der allgemeinen gesellschaftlichen Debatte um sexuelles Fehlverhalten, die bereits zum Absturz diverser prominenter Figuren aus der Filmbranche, den Medien und der Politik führte, kochten die Belästigungsvorwürfe gegen Trump dann zuletzt wieder hoch.

Der Präsident vertritt jedoch den Standpunkt, dass sich diese Anschuldigungen durch seinen Wahlsieg erledigt hätten. Viel Aufsehen erregte allerdings die UN-Botschafterin der USA, Nikki Haley, die von dieser offiziellen Linie abwich. Jede Frau, die sich als Opfer sexueller Übergriffe bezeichne, "sollte angehört werden", sagte sie. Dies gilt nach ihren Worten auch für Frauen, die Trump solchen Fehlverhaltens bezichtigen.

Die Anschuldigungen haben Trump nicht daran gehindert, den ebenfalls mit Belästigungsvorwürfen konfrontierten Senatskandidaten Roy Moore zu unterstützen. Der ultrakonservative Republikaner trat an diesem Dienstag im Südstaat Alabama bei einer Nachwahl zu der Kammer des US-Kongresses an.

Dagegen hatten in den vergangenen Tagen insgesamt drei Mitglieder von Senat und Repräsentantenhaus infolge von Belästigungsvorwürfen ihren Abgang aus dem Kongress erklärt. Dabei handelt es sich um zwei Demokraten und einen Republikaner.