Chronik | Welt
25.08.2017

"Leben wie in Europa": Tunesiens Präsident stärkt Frauenrechte

Im nordafrikanischen Hoffnungsland wird sogar an islamischem Recht gerüttelt.

"Frauen in Tunesien sind wie Europäerinnen, sie arbeiten, fahren Auto und tragen die selbe Kleidung wie wir", erzählt Liliana dem KURIER. Die 31-jährige Portugiesin lebte zwei Jahre im Heimatland ihres Mannes.

Tunesien – Hoffnungsträger des Arabischen Frühlings und laut der Politologin Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik die "Avantgarde" im Bereich Frauenrechte im arabischen Raum. Das nordafrikanische Land ging aus den revolutionären Jahren als einziger Staat als Demokratie hervor.

Tunesien habe große politische Fortschritte gemacht, so Werenfels. Nun will der Präsident Beji Caid Essebsi die Rechte der Frauen weiter stärken.

Reformen

Letzten Monat wurden Frauen gesetzlich vor häuslicher Gewalt geschützt, vergangene Woche schaffte Tunesien die Straffreiheit für Vergewaltiger ab, die ihre Opfer heiraten.

Auch das Erbrecht will der säkulare Präsident nun reformieren. Doch dieses wird im Koran geregelt, das macht es quasi unantastbar. Das islamische Erbrecht sieht vor, dass männliche Erben doppelt so viel wie die Frauen bekommen, da sie die finanzielle Last der Familie tragen.

Der Kolumnist Maher Gabra schreibt, dass Frauen heutzutage jedoch genauso viel zum Lebensunterhalt beitragen wie Männer und dass die Regelung deshalb ungerecht sei.

Doch dass dieses Anliegen der säkularen Frauen und Parteien in Tunesien von Parteien bisher noch nie auf die Agenda gesetzt wurden, liegt an einer starken gesellschaftlichen Tabuisierung, so Expertin Werenfels. Das Erbrecht gilt bis heute als unveränderliche, religiös begründete Regel.

Dass die benötigten Gesetzesänderungen eine parlamentarische Mehrheit bekommen, kann sich Werenfels momentan nicht vorstellen. Sie macht darauf aufmerksam, dass man die politischen Dynamiken hinter diesen Forderungen im Auge haben muss.

"Es soll diesen Dezember Kommunalwahlen geben", sagt die Politologin, "und daher muss man sich fragen, was die Profilierung des Präsidenten damit zu tun hat".

Leben wie in Europa

Die junge Mutter Liliana erzählt, "Frauen gehen in Tunesien alleine auf die Straße, auf einen Kaffee, sie tun alles, was wir in Europa auch tun, aber wer es nicht weiß, denkt das Gegenteil" .

Tatsächlich ist Tunesien in punkto Frauenrechte anderen arabischen Ländern schon seit den 1950er-Jahren voraus. "Nur wenn eine Frau einen Europäer heiraten will, ich meine keinen Muslim, geht das nicht", erklärt Liliana. "Aber wenn er seine Religion wechselt, kann sie ihn heiratet".

Ihr angeheirateter Schwager aus der Schweiz sei zum Beispiel konvertiert. Doch dieses Gesetz strebt der tunesische Präsident Essebsi nun auch an zu ändern.

Liliana findet es sehr schade, dass muslimische Frauen immer als rechtlos dargestellt würden, "obwohl bis auf die Heiratssache kein Unterschied zu Europäerinnen besteht".

Demokratisierung

Der Arabische Frühling hatte viele Länder im Chaos hinterlassen, doch in Tunesien wurde die Demokratisierung vorangetrieben. Vor drei Jahren wurde eine neue Verfassung etabliert und der säkulare Kandidat Beji Caid Essebsi wurde Präsident.

Doch vor zwei Jahren wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Der inländische Terrorismus ist zu einer enormen Bedrohung herangewachsen, aber auch die Nachbarländer stellen eine Gefahr dar. "Es ist eine schwierige Situation als Nachbar Libyens", sagt Werenfels.

Zudem ist Tunesien mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und enorm hoher Arbeitslosigkeit konfrontiert, was Unruhen in der Bevölkerung nährt.

Heute lebt Liliana mit ihrer Familie in Katar, dort hätten sie bessere Arbeit gefunden und könnten mehr verdienen.

Aber sie schwärmt noch immer von Tunesien: "Jeder, der dorthin geht, wird es selbst sehen, es ist ein wunderschönes Land mit unbeschreibbar freundlichen Menschen."