Chronik | Welt
16.01.2018

Jeder Fünfte glaubt nicht an Islamisten hinter den Attentaten

Umfrage: 48 Prozent der Franzosen glauben, dass die politische Elite die "Umvolkung" absichtlich herbeiführt.

Es ist wie immer bei Umfragen: sie haben ihre Fehlerquoten und nur bedingte Aussagekraft. Aber die jüngste Befragung, die vom französischen Meinungsforschungsinstitut IFOP unter einem als repräsentativ geltenden Panel von 1252 Teilnehmern durchgeführt wurde, hat in Frankreich doch eine gewisse Besorgnis ausgelöst, weil sie die Zustimmung einer beträchtlichen Minderheit zu Verschwörungstheorien und Fake News veranschaulicht.

Drei Jahre nach den Anschlägen vom Jänner 2015 gegen die Redaktion des Satire-Magazins Charlie-Hebdo (das Mohamed-Karikaturen veröffentlich hatte) und einen jüdischen Supermarkt in Paris glauben 19 Prozent der Befragten, dass "es nicht sicher sei, dass diese Attentate nur von islamistischen Terroristen geplant und durchgeführt wurden".

Geheimdienste

Weitere drei Prozent meinen, dass es sich bei den Anschlägen um eine "Machenschaft der Geheimdienste" gehandelt habe. Dabei wurden die drei Attentäter damals allesamt von der Polizei gestellt und im Feuerwechsel getötet, wobei zahllose Beweise für ihr islamistisches Engagement vorlagen.

Für Rudy Reichstadt, Mitarbeiter der Forschergruppe "Conspiracy Watch", die die Umfrage in Auftrag gegeben hat, enthalten diese Zahlen aber auch einen tröstlichen Aspekt: die Verdrehung der Realität, die auf Internet von islamistischen und anderen Verschwörungstheoretikern betrieben wird, hat seit der ersten diesbezüglichen Umfrage von 2015 keine weiteren Anhänger gefunden. Erschreckend sei allerdings, dass bei den 18- bis 24-Jährigen 30 Prozent die Faktenlage um die Anschläge bezweifeln.

Internet-Jugend

Als Ursache gilt die Internet- und Social-Media-Gläubigkeit vieler junger Menschen und ihre Pauschalablehnung der herkömmlichen Medien – nur 25 Prozent aller Befragten glauben, dass die traditionellen Medien "Informationen korrekt wiedergeben".

Seltsamerweise scheint in den Kommentaren zur Auswertung der Umfrage ein naheliegender Aspekt nicht auf: der hohe Prozentsatz an jungen Menschen, die die Verantwortung der Islamisten für die Anschläge in Zweifel ziehen, hängt wohl auch damit zusammen, dass bei einem Teil der Muslime alternative Schuldzuweisungen gefragt sind, und dass sich dies auch bei Reaktionen unmittelbar nach den Anschlägen in Schulen und Siedlungen mit einem hohen muslimischen Jugend-Anteil zeigte.

Zum neu aufgeflammten religiösen Fundamentalismus passt auch, dass 18 Prozent dem Satz zustimmen, dass "Gott den Menschen und die Erde vor weniger als 10.000 Jahren erschaffen hat". Bei den 18- bis 24-Jährigen teilen 31 Prozent diese Meinung, bei den über 65 Jährigen nur 14 Prozent.

Zu 9/11 glauben 35 Prozent, dass die US-Regierung im Voraus informiert oder gar "aktiv" involviert war, um die anschließende Intervention in Afghanistan zu "legitimieren". Nach politischen Sympathien aufgeteilt, überwiegen dabei in etwa gleich hohem Ausmaß Anhänger der Nationalistin Marine Le Pen und des Linksaußen-Tribuns Jean-Luc Melenchon.

Die Rolle der Eliten

Wähler von Le Pen und der Konservativen bejahen wiederum überproportional die Behauptung, dass die politischen Eliten "absichtlich" die Einwanderung begünstigen würden, um "eine Auswechslung der Kulturen" herbeizuführen.

Fremde hereinholen

48 Prozent der Befragten haben dem zugestimmt. Das würde bedeuten, dass fast die Hälfte der Franzosen der Meinung ist, dass die Elite des Landes nicht bloß Einwanderer akzeptieren, sondern aus geheimnisvollen Gründen eine "Umvolkung" aktiv betreiben würden – eine Verschwörungstheorie, die sogar von Marine Le Pen abgelehnt wird. Aber es ist denkbar, dass etliche Befragte eher den Aspekt der bloßen Einwanderung und deutlicheren Präsenz des Islams dabei im Auge hatten und den Verweis auf die angeblich aktive Rolle der Eliten nicht so wörtlich nahmen.

Auch die Leugnung des Klimawandels à la Trump, die von 35 Prozent der Befragten geteilt wird, ist eher ein Steckenpferd rechter und konservativer Franzosen.

Partei-übergreifend ist hingegen die überwiegende Ablehnung der von den Behörden vorgeschriebenen oder empfohlenen Impfungen: 55 Prozent glauben, dass "das Gesundheitsministerium mit der Pharma-Industrie unter einer Decke steckt, um die Schädlichkeit der Impfstoffe zu verbergen". Dass die von Flugzeugen hinterlassenen "Chemtrails" aus "geheim gehaltenen Gründen absichtlich verbreitet werden" glauben 20 Prozent. Und 35 Prozent zweifeln an der "Transparenz" der Wahlen in Frankreich – ein weiteres Signal für eine gewisse Demokratie-Müdigkeit bei Teilen der Bevölkerung, die sich sozial abgehängt fühlen.