Chronik | Welt
18.03.2018

Idol der Schwarzen starb im Kugelhagel

Marielle Franco hatte Brutalität der Militärpolizei angeprangert. Großdemonstrationen nach Mord.

Am Tag danach säumen Tausende den Weg des Sarges. Die Helfer haben Mühe, sich einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen. Es ist der letzte Gang von Marielle Franco. Schwarz, links und eine Menschenrechtlerin. Eine der populärsten Politikerinnen in der riesigen Olympiastadt. Eine, die selbst aus bettelarmen Verhältnissen stammte und deshalb so ungeheuer populär war in den Favelas von Rio de Janeiro.

Doch gegen ihre Mörder hatte sie keine Chance. Die Stadträtin und Menschenrechtsaktivistin starb diese Woche im Kugelhagel mitten in Rio de Janeiro. Die Bilder von der zerschossenen Karosserie ihres Fahrzeuges, in dem auch der Fahrer blutüberströmt sein Leben ließ, lassen erahnen, wie sich der Überfall abspielte. Insgesamt feuerten die Täter mehr als ein Dutzend Projektile ab. Kein gewöhnlicher nächtlicher Raubmord also, sondern mehr eine Hinrichtung, spekulieren die brasilianischen Medien unter Berufung auf Polizeikreise.

Doch diesmal ist es nicht nur ein Mord mehr in Rio de Janeiro. Diesmal gehen die Menschen nicht zur Tagesordnung über wie bei den vielen anderen täglichen Morden in der Olympiastadt von 2016. Diesmal versammeln sich die Menschen trotz der Hitze am Tag danach vor dem Stadtparlament und demonstrieren. Gegen die Militärpolizei, gegen die Gewalt in der Stadt, gegen die strategielosen Sicherheitskräfte. Gegen den Absturz einer Stadt, die eigentlich nach Olympia hätte im Glanz erstrahlen sollen, doch stattdessen im Sumpf der Korruption untergeht. Der Fall hat das Potenzial, eine neue Protestwelle auszulösen. Und der Funke springt über. Es werden spontane oder geplante Demonstrationen aus anderen Städten gemeldet. Es sind vor allem Frauen, die auf die Straße gehen und ihren Schmerz herausweinen, brüllen oder schreien.

In den sozialen Netzwerken beginnen die User, dem Opfer ein digitales Denkmal zu setzen. "Es ist unfassbar schwer, sich in den Favelas für die Rechte der Schwarzen einzusetzen. Ruhe in Frieden, Mariella", postet die lokale Sängerin Dona Lanor. Der prominente Befreiungstheologe Frei Betto sagt: "Wir sind alle Mariella." Sie stehe für den Kampf all jener, die sich für ein besseres Brasilien einsetzten. In der ganzen Stadt hängen plötzlich Plakate mit der Aufschrift "Marielle, presente" (Marielle ist hier).

Der Krieg in den Armenvierteln

Der ohnehin schon dramatische Fall hat längst eine politische Dimension. Die 38-jährige Abgeordnete des Stadtparlaments leitete die Menschenrechtskommission, die die Mitte Februar gestartete Intervention des Militärs in Rio überwachte. Sie galt als die Hoffnung der Schwarzen, holte bei den jüngsten Wahlen 2016 die fünftmeisten Stimmen. Sie selbst stammte aus dem Armenviertel Mare, einem der gefährlichsten Viertel Rios. Sie war Ansprechpartnerin, Kritikerin, Beobachterin – nun ist sie tot.

Franco hatte in den vergangenen Tagen über mögliche Menschenrechtsverletzungen der Militärpolizei berichtet. So sollen zwei Jugendliche im Armenviertel Acari hingerichtet worden sein, über einen weiteren Fall berichtete sie in der letzten Woche. "Wie viele müssen noch sterben, bevor dieser Krieg endet?" kommentierte sie ihren Post. Offenbar ist sie nun selbst Opfer dieses Krieges geworden, den zuletzt zahlreiche Menschenrechtsorganisationen scharf kritisierten. Auch die Vereinten Nationen meldeten sich in dieser Woche besorgt zu Wort und beklagten die Militarisierung der Stadt durch die Armee. Präsident Temer hatte die Armee geschickt, um die korrupte Militärpolizei zu säubern. Die linke Opposition kritisiert dagegen die Aufrüstung. Beide Seiten beginnen den Fall für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Der Fall Mariella beginnt eine Eigendynamik zu entwickeln. Im Wahljahr 2018 fängt er an, Brasilien in seinen Grundfesten zu erschüttern.