Chronik | Welt
24.12.2011

Georgische Träume und Tatsachen

Sowjetunion: Die langjährige Osteuropa-Expertin des KURIER, Jana Patsch, erinnert sich an den Alltag im Versuchslabor des Sozialismus.

Im Jahr 1988 war KP-Chef Michael Gorbatschow schon drei Jahre an der Macht, seine Reformen Perestroika und Glasnost hatten das Land verändert. Plötzlich waren Investitionen aus dem kapitalistischen Westen in dem sozialistischen Proletarierstaat sehr willkommen.

Geschäftsleute aus Österreich reagierten sehr flott. Darunter ein Bauunternehmer aus Wien, der sich auf den Bau von Hotels spezialisiert hatte und über ausgezeichnete Kontakte zu Eduard Schewardnadse, dem damaligen Außenminister der UdSSR, verfügte.

So errichtete der Wiener im Ferienort Gudauri an den georgischen Südhängen des Kaukasus ein Sporthotel in westlichem Standard. Ein Vier-Sterne-Haus mit Schwimmbad, Kegelbahn, Tennishalle. Und das in traumhafter Lage in 2200 Metern Seehöhe, ideal für Heliskiing. Ein Großteil des Baumaterials, die gesamte Einrichtung sowie die Skilifte und Pistengeräte wurden aus Österreich geliefert. Das Vorhaben wurde von österreichischen Banken vorfinanziert. Das Millionen-Projekt sollte durch die Einnahmen zurückgezahlt werden. Und durch Exporte von Zitrusfrüchten.

Vor der offiziellen Eröffnung des Hotelkomplexes wurden einige Testpersonen aus Wien eingeflogen. Am Flughafen wurden die Gäste mit einem klapprigen Bus abgeholt, in dem frisch gewaschene – aber noch tropfnasse – Vorhänge hingen. Der stundenlange Transfer in die Berge ersetzte den Passagieren ein Dampfbad.

Für das georgische Hotelpersonal, das auf individuelle Sonderwünsche nicht trainiert war, wurde der Dienst zum unsagbaren Härtetest. Einige Kellner gingen in Deckung, indem sie sich hinter den Flügeltüren versteckten. Der österreichische Geschäftsführer, einem Infarkt nahe, jonglierte die Teller selbst aus der Küche, um die Situation zu retten. Was er jedoch nicht vermochte, war, die Gäste mit Bier zu versorgen – auch wenn es fässerweise vorhanden war. Aber die Zoll-Beamten hatten Einfuhrpapiere bemängelt und den eigens aus Österreich herangekarrten Gerstensaft im Keller weggesperrt.

Auf den Pisten konnten die Österreicher sofort ausgemacht werden. Denn die Einheimischen, die keine Sonnencreme kannten, fuhren mit Stoff-Masken im Gesicht Ski. Aus der versprochenen Helikopter-Vergnügung wurde nichts. Einmal kam die angekündigte Maschine nicht, weil es kein Kerosin gab; am anderen Tag erschien der Pilot einfach nicht zum Dienst.

Aufbruch nach Tiflis

So brachen einige aus der Österreicher-Gruppe zu einer mehrtägigen Erkundungstour nach Tiflis auf. Mit dem Wissen, dass Georgien, die Heimat Stalins, stets besondere Privilegien genossen hatte wie keine andere der Unionsrepubliken.

Die Georgier durften ihre Schrift behalten, während andere Völker ihre Sprache in Kyrillisch schreiben mussten. Das agrarisch geprägte Land mit sehr mildem Klima galt als das reichste der UdSSR. Südfrüchte und Kognak aus Georgien waren in Moskau begehrte Bestechungsmittel. Vielsagend der georgische Toast: „Wir trinken auf unsere Gesundheit, denn alles andere können wir uns kaufen.“

Unterwegs fielen vereinzelte Stalin-Denkmäler und die desolaten Straßen und Häuser auf. Der einstige relative Wohlstand ließ sich im Frühjahr 1988 in der georgischen Hauptstadt kaum mehr ausmachen. In den wenigen Restaurants, die am Stadtplan wie eine Sehenswürdigkeit markiert waren, gewährten die Türsteher den Fremden keinen Einlass. Individual-Touristen waren unbekannt, serviert wurde nur im Voraus angekündigten Reise-Gruppen oder offiziellen Delegationen. Im Hotel wurde das Frühstück schon am Vorabend aufgetischt. Das Brot und die Käse-Scheiben bogen sich vor Trockenheit. Die importierten Limonaden waren nur gegen Devisen zu haben.

Trotz widriger Umstände kam die Gruppe doch in den Genuss der legendären „besten Küche der Sowjetunion“. Als die Reisenden nämlich völlig unvorhergesehen von der Straße weg zu einer privaten Hochzeitsfeier geladen wurden. Und dann erlebten sie: Chatschapuri, ein überbackenes Käsebrot, Melanzani mit Walnusspaste gefüllt, getrocknetes Rindfleisch und jede Menge georgischer Wein. Die Gastgeber sprachen ganz offen über ihre Abneigung gegen Moskau und ihre Absichten, sich aus dem Hammer-und-Sichel-Reich zu lösen. Zur Verabschiedung bissen die Männer die männlichen Gäste leicht ins Ohrläppchen, als Zeichen großer Verbundenheit.

Unvergesslich auch ein Opernabend in Tiflis. In dem traditionsreichen Haus gab es Aufführungen mit sehr alten Kostümen und sehr wackeligen Kulissen – aber in beachtlicher musikalischer Qualität. Kultur und Sport wurden in der Sowjetunion breit gefördert. Musikschulen und Sportstadien gab es in jeder Stadt.

 

Tiefer Fall

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erlitt Georgien im Vergleich zu anderen Nachfolgestaaten einen außerordentlich schweren Kollaps. Bürgerkriege und Unabhängigkeitskämpfe in Abchasien, Adscharien, und Südossetien verschärften die Krise. Die Produktion sank in fünf Jahren auf ein Viertel des Niveaus von 1989. Fabriken wurden dicht gemacht, die Einrichtung als Altmetall in die Türkei verscherbelt.

Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 haben mehr als eine Million Georgier ihrem Land den Rücken gekehrt. Vor allem Bürger mit höherer Bildung. Sie gingen als Geschäftsleute nach Russland und später auch als Altenpfleger oder Erntehelfer nach Italien und Spanien.

Die unstabile Lage in der Region wirkte sich schlecht auf den Fremdenverkehr aus. Die Touristen blieben dem Kaukasus fern. Das einst österreichische Sport-Hotel in Gudauri wurde finanziell abgeschrieben und ging an den georgischen Staat über. Bei einem Besuch im Sommer 2003 war das im alpinen Stil erbaute Haus kaum wiederzuerkennen. Die Balkone – einst aus dunkelbraunem Holz – waren ausgeblichen und verwittert. Von den 300 Betten waren nur vier belegt. Und die Kellner versteckten sich diesmal nicht hinter den Flügeltüren. Sie wichen vom Gast erst dann ab, wenn der das servierte Getränk auch sofort bezahlt hatte.