** ARCHIV ** Der Kidnapper Dieter Degowski, links, bedroht am 18. Aug. 1988 in Koeln die Geisel Silke Bischoff, rechts, mit einer Waffe. Vor nunmehr 20 Jahren hielten die Gewohnheitsverbrecher Hans-Juergen Roesner, Dieter Degowski und ihre Komplizin nach einem missglueckten Bankueberfall vom 16. bis zum 18. August 1988 ganz Deutschland in Atem. In bis dahin voellig unbekannter Weise nahm die Oeffentlichkeit per TV- und Radio-Interviews schaudernd an den Taten teil. Erst nach 54 Stunden endete die wilde Fahrt auf der Autobahn bei Bad Honnef im Kugelhagel der Polizei. (AP Photo/Margret Pfeil, Archiv)

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Geiseldrama von „Gladbeck“
08/16/2013

Drei Tage öffentliche Todesangst

Vor 25 Jahren ergaben sich Deutschlands Polizei und Politik zwei Gangstern.

von Reinhard Frauscher

Die Pistole nochmals an den Hals, bitte“. Der Wunsch eines Fotografen in der Menschentraube um das Fluchtfahrzeug in Köln wird erfüllt: Dieter Degowski wiederholt die Drohgeste an der Geisel Silke Bischoff, 18, die Stunden später tot sein wird. Das Bild geht um die Welt.

Heute gilt es als Schlüssel-Szene eines kalten Verbrechens. Wie kein anderes manifestierte es Total-Versagen von Polizei, Politik und Medien, vom Boulevard bis zu öffentlichen Sendern. Am Ende des 54-Stunden-Dramas, das bald ganz Europa in Atem hielt, waren drei Unschuldige tot, zwei junge Menschen und ein Polizist. Und die Öffentlichkeit fassungslos: Wie konnte das geschehen?

Am Vormittag des 16. August 1998 überfallen die gesuchten Serientäter Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner eine Bank in Gladbeck. Weil sich die Tresore nicht rasch öffnen und Polizei sofort sichtbar auftaucht, nehmen sie Geiseln, fordern Lösegeld und ein Fluchtauto. Mit dem beginnt eine endlos scheinende Tour durch und um Nordrhein-Westfalen.

„Weiche Linie“

Aufgeputscht von Bier und Tabletten genießen die Gangster die öffentliche Aufmerksamkeit durch eine aberwitzige Medienpräsenz. Denn die Polizei lässt sie und die Medien exzessiv gewähren, die „weiche Linie“ soll die Geiseln nicht gefährden.

So können die Verbrecher sogar einkaufen, Reportern in ihrem Wagen mit den Geiseln Interviews geben, und immer mal wieder die Polizei abhängen. Die macht eine Unzahl haarsträubender Fehler. In Bremen können die Gangster sogar einen Linienbus kapern . In diesem schießt Degowski den 15-jährigen Emanuele de Giorgi in den Kopf. Der Schüler wollte seine Schwester beschützen. Der sterbende Jugendliche wird aus dem Bus geworfen, ohne dass ein Rettungsteam in der Nähe wäre.

Den Bus mit den Geiseln aus Gladbeck zwingen die Verbrecher kurz in die Niederlande, bei der Verfolgung stirbt ein junger Polizist bei einem Verkehrsunfall. Dort erhalten sie einen deutschen Fluchtwagen, mit dem es nun nach Köln geht. In dessen Fußgängerzone halten die übermüdeten Verbrecher 48 Stunden nach Beginn des Dramas Hof. Und Boulevard- Reporter werden zu Vermittlern und Informanten.

Bis dahin hatte die Polizei mehrere Chancen für wenig riskante Zugriffe versäumt: Am eklatantesten in Bremen, wo beide Gangster minutenlang die Geiseln allein ließen. Erst als sie Köln verlassen, entschließt man sich zum Zugriff auf der Autobahn: Doch auch der misslingt durch Fehler der Polizei: Bischoff wird von einer Gangster-Kugel tödlich, ihre Freundin schwer verletzt.

Keine Reue

Seither sitzen die Täter im Gefängnis, „lebenslang“ – sie zeigen keine Reue. Für Degowski gab es ausgerechnet am Mittwoch eine Haftprüfung, sein Anwalt sieht nun „gute Chancen“, dass er in zwei Jahren freikommt.

Zum runden Datum wird auch wieder die Hauptverantwortung für das Fiasko diskutiert. Schon früh war sie nicht nur der Polizei, sondern auch der Politik angelastet worden. Das tun auch jetzt die Medien, etwa die Sonntags-FAZ, die die Ereignisse sorgfältig nachzeichnete: Die Innenminister seien für die schlecht präparierte Polizei verantwortlich gewesen – und hätten ihr frühe, weniger riskante Zugriffe ausdrücklich verboten. „Die SPD sah sich als Antithese zur ,Law-and-Order-Politik‘ der Regierung Kohl. Das Konsens-Image von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau hatte sein Innenminister Herbert Schnoor um jeden Preis zu bewahren, auch im NRW-U-Ausschuss danach.“ (FAS).

Schnoor trat, anders als Bremens Innensenator, nicht zurück, heute will er sich nicht mehr äußern, auch Rau tat das danach nie.

Die Polizei hat aber viel gelernt. Heute ist sie auf solche Situationen mit Dauerstäben, klaren Strukturen und Vorgaben vorbereitet: „Gladbeck“ gilt ihr als Beispiel, wie man es nicht macht.

Wir Reporter haben uns von Mördern missbrauchen lassen

Der Herr mit dem dunklen Sakko, das bin ich. Im Moment, als dieses Foto gemacht wurde, war ich überzeugt davon, am richtigen Platz zu stehen, meine Aufgabe als Reporter zu erfüllen. Und das, obwohl ich da bereits wusste, dass die Verbrecher zwei Menschen auf dem Gewissen hatten. (Silke Bischoff war zu diesem Zeitpunkt noch am Leben.) Ein paar Tage später kamen erste Zweifel, und heute weiß ich, dass auch ich mich missbrauchen ließ.

Gladbeck ist in erster Linie ein Polizeiskandal. Die Sicherheitskräfte hätten früher zugreifen müssen.

Aber da ganz Deutschland im Banne der Irrfahrt war, musste ich fast stündlich für den ORF, für Radio und TV, berichten. Der – damals noch analoge – Polizeifunk machte es uns leicht, den Entführern mit ihren Geiseln nachzufahren. So landeten wir in der Kölner Innenstadt.

Auch hier war wieder die hilflose Polizei daran schuld, dass wir überhaupt so nahe an den Fluchtwagen kamen. Dann fehlte uns Journalisten der klare Blick. Wir waren plötzlich Teil der Inszenierung der Geiselnehmer.

Wobei es hier schon noch eine Abstufung gab. Ein Kollege einer Kölner Lokalzeitung bot sich als Vermittler an, wohl nicht so sehr, um Menschenleben zu retten, sondern um die wirklich „authentische“ Geschichte zu bekommen.

Das Drama fand sein Ende, als Spezialeinheiten den Fluchtwagen auf der Autobahn stoppten. Wir waren wieder knapp dahinter. Das Leben der Silke Bischoff konnten die vielen Reporter nicht retten.

Medien müssen Beobachter, nie Mitspieler sein, bei Verbrechen schon gar nicht.

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