Chronik | Welt
28.08.2017

Fundamentalistische Mormonen: Sekten-Vielweiberei mit Gen-Defekt

Inzucht führt zu schweren Missbildungen, Buben werden ausgestoßen.

Der berühmte Zion Nationalpark liegt um die Ecke. Und bis zum Grand Canyon ist es auch nicht weit. Aber was kann die monumentale Schönheit der Natur schon ausrichten, wenn Erdbewohner aus falsch verstandener Frömmigkeit fortgesetzt Leid und Elend erzeugen?

Diese Frage stellt sich im idyllischen Short Creek. Ärzte im Grenzgebiet der US-Bundesstaaten Utah und Arizona warnen vor einer Katastrophe.

In den Reihen der "Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" (FLDS), einer radikalen Abspaltung der Mormonen, häufen sich Fälle eines genetischen Defekts, der mit mit schweren Missbildungen und massiver geistiger Behinderung einhergeht.

Inzucht

Ursache der unheilbaren Erkrankung ist nach Überzeugung des Kinderarztes Theodore Tarby aus Phoenix Inzucht.

In den unter Short Creek bekannten Städtchen Hildale und Colorado City, wo Vielehe und Zwangsverheiratungen von Minderjährigen das gesellschaftliche Leben bestimmen, ist unter den 7500 Einwohnern blutsverwandschaftlich nahezu jeder auf die Sekten-Gründer Joseph Smith Jessop und John Yates Barlow zurückzuverfolgen. Darum wird mit einem exponentiellen Anstieg der Krankheit gerechnet, die bis vor kurzem noch in einem Verhältnis von 1:400 Millionen ausbrach.

Die beiden Männer flüchteten sich in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Abspaltung in das abgelegene Gebiet, nachdem die Mormonen in Salt Lake City auf Druck der Regierung in Washington der Polygamie abgeschworen hatten.

Jessop und Barlow hatten Archiven zufolge zusammen mehr als 100 Ehefrauen und Hunderte Kinder und Enkelkinder. Weil einer der Gründer das rezessive Gen mitbrachte, wurde der Defekt immer weiter vererbt.

In Short Creek, davon geht Tarby aus, besitzen heute Tausende Eltern gleichermaßen die fehlerhafte DNA-Sequenz. Zeugen sie ein Kind, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Krankheit (ein Enzym-Mangel, der verhindert, dass die Körperzellen mit Energie versorgt werden) ausbricht.

"Ohne frisches Blut von außen", sagt der Kinderarzt, "wird der Gen-Pool immer kleiner, und die Zahl der Kranken steigt." Zumal das wichtigste Gebot der FLDS lautet: "Jeder Mann muss mindestens drei Ehefrauen haben, um in den Himmel zu kommen."

78 plus 27 Ehefrauen

Eine Veränderung des Paarungsverhaltens kommt für den "Propheten" der Sekte aber nicht in Frage: Warren Jeffs, der 2002 von seinem Vater nicht nur die Führungsverantwortung, sondern (zuzüglich zu den eigenen 78) weitere 27 Ehe-Frauen erbte, erfüllt laut Sam Brower das Kriterium eines waschechten Gangsters.

Der Privatdetektiv aus Utah, der das lesenswerte Buch "Die Beute des Propheten" geschrieben hat, sagte zum KURIER: "Die FLDS ist keine missverstandene religiöse Gruppe. Es ist ein Verbrecher-Syndikat. Jeffs und seine Leute beuten junge Mädchen als Gebärmaschinen und zum Vergnügen älterer Herren aus."

Das FBI setzte Warren Jeffs 2005 auf die Liste der meistgesuchten Verbrecher in Amerika. Weil er Minderjährige missbraucht hat, sitzt er in Haft. Strafmaß: lebenslänglich plus 20 Jahre.

Was Jeffs aber nicht daran hindert, aus dem Gefängnis weiter für seine Schäfchen das Regiment zu führen: kein Fernsehen, kein Internet, kein Radio, kein Telefon, keine Musik, keine Bücher und kein Lachen. Weil bei jedem Lachen "ein Stück Göttlichkeit den Körper für immer verlässt".

Zwischenzeitlich hatte Warrens Bruder Lyle das Sagen in der Sekte. Aber dem wird im Oktober selbst in Salt Lake City der Prozess gemacht. Gigantischer Sozialbetrug mit "food stamps", Essensmarken für Arme.

Die Gottesschwadron

Über die Einhaltung der Regeln wacht die "Gottesschwadron", die wahllos Gemeindemitglieder aufsucht, tyrannisiert und zur Rechenschaft zieht. Fehlverhalten wird mit der Verbannung des Familienvorstands geahndet.

Um die Verfügbarkeit von möglichst vielen potenziellen Ehefrauen zu gewährleisten, werden FLDS-Söhne regelmäßig verstoßen. Den Behörden sind laut der Lokalzeitung Phoenix New Times über 100 "lost boys" bekannt, die weit außerhalb von Short Creek ausgesetzt wurden.

Umso verwunderlicher, dass staatliche Stellen in Arizona wie Utah der FLDS-Organisation seit Jahren Hunderttausende Dollar Hilfe für die Versorgung der Kranken zuschanzen. Selbst ein Bericht von Vice hat daran nichts geändert. Das innovative Fernseh-Magazin hatte zuletzt von einem ominösen Friedhof in der Nähe von Short Creek berichtet.

Dort sollen Dutzende Kleinkinder der Sekte beerdigt sein, die Inzucht-bedingt mit schweren Missbildungen auf die Welt gekommen sind. Weil die Eltern sie nicht haben wollen, "wurden sie getötet", sagt das ehemalige Sektenmitglied Ron Rohbock.