Chronik | Welt
09.12.2017

Eine Million bei Trauerfeier für Frankreichs Volksrocker

Das letzte Geleit für Johnny Hallyday auf den Champs-Elysées wurde zu einem historischen Ereignis, dem Präsident Macron die richtige Dimension verlieh.

So kann man sich täuschen und an der Realität eines Landes vorbeifantasieren: den meisten Menschen in Europa und anderswo würde bei den Stichwörtern Frankreich, Kunst und Tradition ein ganzes Sortiment erlesener Persönlichkeiten und geläufiger Versatzstücke (z.B. Baskenmütze) einfallen – nur nicht der Name Johnny Hallyday und eine lederne Biker-Jacke.

Dabei hat dieser „Dschoniiii“, wie ihn die Franzosen durchwegs nennen, als ewiger Rockstar seit Anfang der 1960er Jahre so ziemlich alle Generationen begleitet, geprägt und teilweise begeistert. Aber seit seinem Ableben am vergangenen Mittwoch ist aus dieser Rocklegende eine Art Halbgott geworden. Die französische Öffentlichkeit ist in eine Orgie der Superlativen geschlittert: Staatschef Emmanuel Macron nannte den mit 74 Jahren an Lungenkrebs verstorbenen Kettenraucher „einen französischen Helden“, das Parlament legte eine Schweigeminute ein, der Linkssozialist Benoit Hamon erklärte: „Das ist so, als hätte Paris den Eiffelturm verloren“.

TV- und Radio-Stationen brachten zwei Tage Non-Stopp-Sendungen mit Würdigungen und Konzertauftritten des Rockers. Der berühmteste TV-Showmaster Frankreichs, Michel Drucker, hielt sich die Hand vor die Augen und ächzte mit tränenerstickter Stimme: „Jonny, Du hättest noch ein bisschen mit uns bleiben können“.

Ein historischer Augenblick

Aber am Samstag, mit dem eigentlichen Gipfelpunkt der Trauerfeierlichkeiten, änderte sich die Atmosphäre insofern, als die bis dahin, oft kitschig-überdrehten Stellungnahmen von einer ernsteren und wirklich ergreifenden Stimmung überlagert wurden. Auf den Pariser Champs-Elysées wurde eine halbe Million trauernder Fans erwartet, es hatte sich aber dann rund eine Million im Spalier versammelt, während der Wagen mit dem Verstorbenen die Prachtavenue entlang glitt. Vorne fuhren uniformierte Polizisten auf ihren Motorrädern, hinter dem Wagen folgten 700 eigens ausgewählte Biker in der Lederkluft. Wobei nur Fahrer mit den legendären „Harley-Davidson“-Motorrädern zugelassen waren, auf denen sich auch Hallyday gerne in Szene gesetzt hatte.

Auf den vorbeiziehenden Wagen wurden Rosen geworfen, die Menge sang Songs von Hallyday, rief in Sprechchören seinen Namen, tanzte und wippte. Dann erreichte der Wagen mit dem Verstorbenen die Madeleine-Kirche, wo sich ein beträchtlicher Teil der prominentesten Künstler und zahllose Spitzenpolitiker Frankreichs für einen Trauergottesdienst versammelt hatten. Vor der Kirche ergriff Präsident Macron das Wort, das über Lautsprecher bis ins hinterste Eck der schlicht unüberschaubaren Masse übertragen wurde.

Erst schaute es so aus als, würden „Johnny“-Sprechchöre den Staatschef übertönen und seine Rede verunmöglichen. Aber plötzlich erloschen diese Zwischenrufe, und Macron fand in seiner vermutlich bisher besten Ansprache die Worte, um die Beziehung dieser Menge, die vielfach aus Arbeiterfamilien bestand, mit dem Rockstar treffend zu beschreiben: „Johnny“, sagte Macron, „war von Anfang an für Euch da. In allen seinen Leben, er hatte zehn Leben hintereinander, hatte er ein Lied, das Euch ans Herz ging, das Euch das Gefühl gab, nicht alleine dazustehen. Er hat sich Euch in aller Heftigkeit und mit all seiner Energie dargeboten. Er war ein Freund, ein Bruder. Aber auch Ihr ward in seinem Leben, an seiner Seite bei seinen Erfolgen und Misserfolgen.“

„Ein französisches Schicksal“

In Anspielung auf die familiäre Abstammung und die Anfänge des Rockstars erklärte Macron: „Dass dieser junge Belgier, der einen amerikanischen Namen angenommen hatte, den Blues der Schwarzen aus den USA in alle Teile Frankreichs brachte, das war ein französisches Schicksal“.

Diese Bemerkung Macrons führt direkt zu einem höchst erstaunlichen Aspekt des Phänomens Johnny Hallyday. Nämlich der Frage: Wie kam es, dass ein Mann, der sich ursprünglich, fälschlicherweise, als Amerikaner ausgab, und erst durch gutes Zureden seines väterlichen Freunds, des Chansonniers Charles Aznavour, davon Abstand nahm, zu einem derartigen französischen Idol wurde? Die Antwort findet sich in der westeuropäischen Nachkriegsgeschichte, als Rock’n’roll, Blues und Twist aus den USA herüberbrausten, die verkorksten Gepflogenheiten des alten Kontinents über den Haufen warfen und die Baby-Boom-Generation unter Strom setzten.

In Österreich besang Helmut Qualtinger „den Marlon Brando“ und den „Wilden mit seiner Maschin“. Und in Frankreich zerlegten ekstatische Heranwachsende das Mobiliar der Konzertsäle, in denen Hallyday auftrat.

Der blonde Schönling war als Jean-Philippe Smet zur Welt gekommen, Sohn eines belgischen Kabarettisten und eines französischen Modells, die später als Verkäuferin in einer Greißlerei arbeitete. Der Vater ließ schon bald die Familie im Stich. Daraufhin bekam der kleine Jean-Philippe tatsächlich einen amerikanischen Ziehvater. Der Mann, ebenfalls ein Varieté-Künstler, hatte eine der Cousinen von Jean-Philippe geheiratet. Er tingelt mit einer kleinen Tanz-Truppe, den „Halliday’s“, durch Europa. Jean-Philippe reiste in deren Schlepptau und absolvierte bei der Truppe seine ersten Lehrjahre.

Später sollte Philippe eine umfassende künstlerische Ausbildung, auch in Opern-Gesang, erhalten. Diese Grundlage seines Erfolgs, nämlich seiner außergewöhnlich kraftvollen und hochtönig vibrierenden Stimme, blieb eher verdeckt. Das passte nicht zum Mythos des aufsässigen Rockers, der „in der Gosse zur Welt kam“ – ein Gerücht, das Hallyday über sich selber kolportierte.

Anfänglich dürftige Worthülsen

Aber mit dieser geschulten Stimme und seinem früh geformten Feeling für die Musik- und Tanzkultur der USA, wurde er zum idealen Mittler des Rocks in Frankreich, zumal er diesen mit französischen Liedtexten begleitete. Anfänglich waren das ziemlich harmlose, dürftige Worthülsen, später sollten ihn die talentiertesten französischen Songschreiber auch inhaltlich aufrüsten.

Da liegt wohl auch das Geheimnis seiner Langlebigkeit: ob Rock, Blues, Disko, Pop, poetische Kreationen neuerer französischer Künstler oder wieder entdeckte Alt-Chansons, etwa von Jacques Brel oder Edith PiafHallyday erwies sich immer wieder aufs Neue als wirkmächtigster Interpret bei den von ihm konzipierten Mega-Spektakeln vor hunderttausenden Fans.

Außerdem stieß er in ein gewisses Vakuum: In Frankreich ist die traditionelle Volksmusik mit ländlicher Verankerung weit weniger lebendig als etwa in Österreich. Da lieferte Hallyday mit seinen französisch-sprachigen Hits eine Art Ersatz.

Selbst genährte Legenden

Dazu kamen die Legenden um seine Person, die er selber der Klatschpresse bereitwillig stecken ließ. Sein Mythos nährte sich aus seinen fünf ziemlich heftigen Ehen, seinem offen eingestandenen Absturz in die Drogensucht, seinen Alkohol-Gelagen, seinen Depressionen, seinen Krebserkrankungen, denen er immer wieder mit neuen Tourneen trotzte.

All dies machte ihn in den Augen vieler Franzosen zum hartgesottenen Überlebenskünstler, der gleichzeitig seine körperlichen und seelischen Wunden in scheinbar aufwühlender Ehrlichkeit zur Schau stellte. „Er war das, was man von den Politikern nicht sagen kann. Er war ein Kumpel“, meinte ein Fan, der aus einem fernen Industrierevier eigens angereist war. Weil Frankreichs Politiker doch noch von dieser unerschütterlichen Aura des Volksrockers ein wenig abbekommen wollen, wollte jetzt keiner von ihnen beim Gedenken an Johnny abseits stehen.