Peter Pringle und Sunny Jacobs

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Weltkongress gegen Todesstrafe
06/22/2016

Der Todesstrafe entronnen: Paar kämpft gegen Hinrichtungen

Beide saßen in der Todeszelle, sie in den USA, er in Irland. Beide kamen nach Jahren frei. Heute sind Sunny Jacobs und Peter Pringle ein Paar.

Sunny Jacobs erhoffte sich nicht mehr viel vom Leben: Wegen Polizistenmordes zum Tode verurteilt, wartete die zarte Frau in Florida auf ihr Ende auf dem elektrischen Stuhl. Tausende Kilometer entfernt sah Peter Pringle seinem Ende am Galgen entgegen. Niemals hätten die beiden geglaubt, dass sie sich eines Tages begegnen würden - heute sind sie verheiratet und kämpfen gegen die Todesstrafe.

"Peter und ich sprechen nicht oft darüber. Da zieht sich jedes Mal der Magen zusammen", sagt Jacobs anlässlich des Weltkongresses gegen die Todesstrafe, der bis Donnerstag in Oslo tagt. Doch sie will, dass eines Tages niemand mehr ihre Erfahrungen teilen muss.

"Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort mit den falschen Menschen zusammen"

1976 endete Jacobs altes Leben, wegen der Ermordung zweier Polizisten kam sie ins Gefängnis. Zu Unrecht, wie sie sagt: "Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort mit den falschen Menschen zusammen", sagt die 68-Jährige. Nach ihrer Version saßen sie, ihr damaliger Freund Jesse Tafero und ihre zwei kleinen Kinder mit einem Freund in dessen Auto, als sie von der Polizei gestoppt wurden. Die Beamten fanden eine Waffe, es kam zum Feuergefecht, am Ende waren beide Polizisten tot.

Der Freund belastete das junge Paar, Jacobs und ihr Freund wurden zum Tode verurteilt. Tafero starb qualvoll auf dem elektrischen Stuhl: Wegen einer Panne geriet sein Gesicht in Flammen, seine Henker mussten zwei Mal von vorne anfangen. Sein Todeskampf dauerte schließlich sieben Minuten.

Jacobs verbrachte unterdessen fünf Jahre in völliger Isolation in einer kleinen Zelle, dann wurde ihre Strafe in lebenslänglich umgewandelt. 1992, nach 17 Jahren hinter Gittern, kam sie frei.
Peter Pringle war in Irland nur noch elf Tage von seiner Hinrichtung entfernt. Weil seine früheren Verbindungen zur IRA allgemein bekannt waren, wurde er 1980 fälschlicherweise wegen des Mordes an zwei Polizisten bei einem bewaffneten Raubüberfall zum Tod durch den Strick verurteilt.

"Zu ihrem eigenen Schutz müssen sie uns wie Tiere behandeln"

In seiner Todeszelle musste er mit anhören, wie sich seine Wächter über seine Hinrichtung unterhielten, über ihre erhofften Bonuszahlungen und die richtige Technik, damit sein Genick auch wirklich bricht. "Zu ihrem eigenen Schutz müssen sie uns wie Tiere behandeln", sagt der 77-Jährige heute. "Wie sollen sie jemanden kaltblütig umbringen, den sie zu mögen oder zu respektieren gelernt haben?"

Überraschend wurde seine Hinrichtung ausgesetzt, stattdessen sollte er für 40 Jahre in Haft. Mit seinem Tod hatte sich Pringle abgefunden, nicht aber mit einem Leben hinter Gittern: Er brachte sich selbst Jus bei und erkämpfte seinen Freispruch - nach 15 Jahren.

"Die Todesstrafe schreckt niemanden ab"

In einem Pub im irischen Galway lernte Pringle 1998 Sunny Jacobs kennen. Sie sprach bei einer Veranstaltung über die Todesstrafe, er setzte das Gespräch mit ihr fort. 2011 heirateten die beiden. Inzwischen leiten sie ein Hilfszentrum für Justizopfer und setzen sich für die Abschaffung der Todesstrafe ein. "Sie schreckt niemanden ab", sagt Pringle. "Wenn Du Kindern beibringst, dass es völlig in Ordnung ist jemanden zu töten, der nach Deinem Verständnis falsch handelt oder Dich richtig wütend gemacht hat - dann holen auch sie sich ein Gewehr, wenn sie nur wütend genug sind."
Pringle ist überzeugt, dass es bei der Todesstrafe in Wirklichkeit um Rache geht. Rache aber, findet der freundliche alte Herr mit dem weißen Bart, sei der "niederste" Beweggrund und einer zivilisierten Gesellschaft unwürdig. Nach Angaben von Amnesty International wurden im vergangenen Jahr weltweit 1.634 Menschen hingerichtet. Das ist die höchste Zahl seit 1989.

Papst sendet Botschaft an Weltkongress gegen Todesstrafe

Unterdessen hat sich Papst Franziskus in einer Videobotschaft an den derzeit in Oslo tagenden Weltkongress gegen die Todesstrafe gewandt und sich der Forderung nach einer weltweiten Ächtung von Hinrichtungen angeschlossen. Kein noch so schweres Verbrechen könne die Todesstrafe rechtfertigen, heißt es laut Kathpress in der am Dienstag vom Vatikan verbreiteten Ansprache.

Sie verstoße gegen die Unverletzlichkeit des Lebens und die Menschenwürde wie auch gegen Gottes "barmherzige Gerechtigkeit", sagte der Papst. Franziskus kritisierte weiter, die Todesstrafe schaffe keine Gerechtigkeit für die Opfer, sondern nähre Rache. "Das Gebot 'Du sollst nicht töten' hat absoluten Wert und gilt für den Unschuldigen wie den Schuldigen", sagte der Papst. Das "unverletzliche und gottgegebene Recht auf Leben" komme auch Verbrechern zu. Ziel jeder Bestrafung müsse die Rehabilitation des Täters sein, forderte Franziskus. "Bestrafung um ihrer selbst willen, ohne Raum für Hoffnung, ist eine Form von Folter, keine Bestrafung", sagte er.

Die am Dienstag eröffnete dreitägige Konferenz in Oslo ist die sechste derartige Veranstaltung seit 2001. Die Veranstalter erwarteten 1.300 Teilnehmer aus mehr als 80 Ländern, darunter rund 20 Minister und 200 Diplomaten sowie Politiker, Juristen und Vertreter der Zivilgesellschaft.

Franziskus hatte sich zuletzt bei einer Juristen-Tagung im Vatikan gegen die Todesstrafe ausgesprochen. Dabei erklärte er auch frühere kirchliche Rechtfertigungsversuche für überholt, die mit der Aussicht auf ein Leben nach dem Tod argumentierten. "Die Zeiten haben sich geändert, und wir können nicht so weitermachen", so der Papst wörtlich. Man müsse "Gott den Augenblick wählen lassen".

Im Iran werden Zweifel an der Todesstrafe laut

Im Iran mit weltweit einer der höchsten Hinrichtungsraten wachsen die Zweifel am Nutzen der Todesstrafe im Kampf gegen Drogenkriminalität. "Wir sollten anerkennen, dass Strafen nicht immer effektiv sein können, solange die Wurzeln des Problems nicht erkannt sind", sagte Generalstaatsanwalt Mohammad Jafar Montazeri am Dienstag.

Laut Amnesty International wurden 2015 im Iran 977 Todesurteile vollstreckt. Seit Jahresbeginn sollen bereits mehr als 700 weitere Todesurteile vollstreckt worden sein. Meist ging es um Drogenkriminalität sowie sexuellen Missbrauch von Kindern. Die Kriminalitätsrate ging jedoch nach Angaben aus Teheran nicht zurück.

Trotz seiner Zweifel rechtfertigte Montazeri Hinrichtungen. "Wir sind zwar nicht für die Todesstrafe", zitierte die Nachrichtenagentur ISNA den Generalstaatsanwalt. Aber jemand, der aus Habgier mit Drogen handle und Tausende Jugendliche in den Tod treibe, müsse entsprechend bestraft werden. Dies solle der Westen nicht als Verletzung der Menschenrechte im Iran auslegen, sagte Montazeri.

Seit Jahresbeginn sollen bereits mehr als 700 Todesurteile vollstreckt worden sein. Im Iran haben auch Angehörige von Verbrechensopfern ein Mitspracherecht bei der Entscheidung, ob ein Mörder hingerichtet oder begnadigt wird. Im Falle einer Begnadigung muss der Täter der Opferfamilie ein sogenanntes Blutgeld in Höhe von bis zu 40.000 Euro zahlen.