Toronto: Beziehungsunfähig, kommunikationsgestört, unauffällig

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Psychiaterin Sigrun Roßmanith, erklärt im Interview das Täterprofil des Todesfahrers aus Toronto.

Der 25-jährige Todesfahrer von Toronto wird nach ersten Untersuchungen als zurückgezogen und unauffällig eingestuft. Er selbst gab Frauenhass als Motiv an. Wie entstehen derartige Hassgefühle?

Meist ist es eine Kette aus vielen negativen Erfahrungen. Die Abwertung ist eine logische Konsequenz, da man der Überzeugung ist, dass man durch diese Gruppe Schaden erleidet. Die Abwertung per se ist in den Augen der Täter, eine Form der Bestrafung. Meist ist das eigene nicht funktionierende Beziehungsverhalten der Anlass, die Schuld wird wie in diesem Fall etwa den Frauen zugeordnet. Selbstjustiz ist hier oft die Folge, man möchte da dann sozusagen das Zepter selbst in die Hand nehmen. Zudem soll der Täter Autist sein, dabei handelt es sich um eine Störung sozialer Fähigkeiten. Autisten können emotionale Botschaften sowie das Verhalten anderer nicht richtig oder nur sehr schwer interpretieren sowie einordnen. 

Laut CNN soll Minassian auch mit dem Attentäter Elliot Rodger sympathisiert haben, er hat damals Frauen die Schuld gegeben, dass er noch nicht sexuell aktiv sein konnte und aus diesem Grund 2014 bei einem Amoklauf sechs Menschen getötet.

Für diese Tätergruppe ist die eigene Insuffizienz unerträglich, man verlagert den Auslöser für das eigene Verhalten nach außen und bekämpft es dort. Es scheint die einfachste Möglichkeit. Die Macht der Kränkung und Zurückweisung ist enorm, dadurch entstehen Wut und Rache. Ich möchte nicht wissen, wie oft Minassian dieses Szenario bereits in seiner Fantasie durchgespielt hat.

Sehen diese Täter eine solche Tat, im weitesten Sinne, als eine Form der Belohnung an?

In gewisser Weise schon, so eine Fahrt erzeugt eine Form der Befreiung, es entsteht ein Machtgefühl. Plötzlich ist man nicht der Loser, man wird zu einem Mächtigen auf der Bühne der Welt. Man verursacht ein gottähnliches Szenario, die Fahrt durch die Menschenmenge wird zum höchsten Maß destruktiver Rache. Müsste man es emotionslos benennen, ist es ein destruktiver Lösungsversuch einer unerträglichen Situation, in der man andere Menschen tötet und den eigenen Selbstmord dabei in Kauf nimmt. Er hat die Polizisten gebeten ihn zu erschießen - „Suicide by cop“ - er wollte alles auslöschen, auch sich.

 

Sigrun Roßmanith, Psychiaterin
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Tatwaffe Auto? Ist die Häufigkeit, dass Fahrzeug für Massenmorde missbraucht werden in letzter Zeit nur Zufall oder steckt mehr dahinter?

Es ist ein Mittel, das prinzipiell jederzeit verfügbar ist. Es kann sehr gezielt gesteuert werden und es bietet dem Täter mehr Schutz. Täter fühlen sich abgeschirmter, als wenn sie etwa direkt in einer Menschenmenge Personen mit einem Messer niederstechen müssen. Ich denke, aber man kann schon mittlerweile von Nachahmungstaten sprechen. Generell ist das Auto noch immer ganz stark mit Selbstwert verbunden, es ist nach wie vor der verlängerte Arm männlicher Identität.

Kann man solche Vorfälle verhindern bzw. wo müsste man solche Menschen abholen?  

Das ist schwierig zu beantworten, denn eigentlich geht es vielmehr darum, dass sich diese Menschen auch tatsächlich abholen und behandeln lassen wollen. Oder es müsste zumindest jemanden aufgefallen sein, dass diese Personen verstärkt aggressiv handeln oder dass etwa bestimmte Gewaltvorfälle bekannt sind. Ansonsten hat man eigentlich keine Chancen, die meisten agieren meist sehr unauffällig im Hintergrund.

Wie würden Sie die Chance des 25-jährigen Toronto-Täters einschätzen?

Mit den Fakten, die zurzeit öffentlich bekannt sind, ist der Täter meiner Meinung nach höchst suizidgefährdet. Aus seiner Sicht ist das Ganze noch nicht zu Ende gebracht. Es konnte sich zum Teil quasi „abreagieren“, aber letztlich muss er nun doch mit sich und seinem Defizit weiterleben. Fürs Erste wird der Weltruhm ihn etwas ablenken, aber so etwas dauert in der Regel nicht allzu lang.

( kurier.at , An ) Erstellt am 25.04.2018