Die zwei ausgebrannten Autos ‚Äď ein junger Polizist ringt mit dem Tod.

© APA/AFP/THOMAS SAMSON

Frankreich
10/11/2016

Brandanschlag auf Polizisten in Pariser Vorstadt: "Sie wollten uns umbringen"

Vermummte aus einer Sozialsiedlung versuchten Polizisten in ihren Streifenwagen zu verbrennen. Ein Beamter ringt mit dem Tod.

von Danny Leder

"Damit hatten wir nicht gerechnet. Sie wollten uns umbringen", sagte der 38 j√§hrige Polizist S√©bastien in einem Interview mit dem Blatt Parisien. S√©bastien, schwankender Gang und beide H√§nde verbunden, wurde von Frankreichs Premierminister Manuel Valls als "Held" geehrt. Der Beamte hatte sich auf einen brennenden Kollegen geworfen, den 28 j√§hrigen Polizei-Praktikanten Vincent, und ihm so das Leben gerettet ‚Äď zumindest vorerst.

Denn Vincent liegt im Spital im k√ľnstlichen Koma und k√§mpft mit dem Tod. Der junge angehende Polizist war am Samstag mit S√©bastien und zwei Kolleginnen, aufgeteilt auf je zwei Streifenwagen, nahe einer viel befahrenen Stra√üenkreuzung am Rande der Vorort-Siedlung La Grande Borne s√ľdlich von Paris stationiert gewesen. Die Beamten hatten die Siedlung, die f√ľr ihre Drogendealer und sonstigen kriminelle Zirkel ber√ľchtigt ist, im Auge. W√§hrend dessen hatten sich rund 15 Vermummte von einer anderen Seite her herangeschlichen, die Autofenster eingeschlagen und Molotov-Cocktails ins Innere der Fahrzeuge geworfen. Die Insassen des ersten angegriffenen Wagens wurden mit Faustschl√§gen traktiert und die Autot√ľren zugehalten, w√§hrend die Flammen hochschnellten.

Neben Vincent erlitt seine Kollegin, Jenny, eine 39 j√§hrige Mutter dreier Kinder, schwere Brandwunden. Auch die Insassen des zweiten Streifenwagens konnten sich unter den auf sie niederprasselnden Schl√§gen kaum wehren, aber Anrainer gaben Alarm, die Angreifer fl√ľchteten.

√úberwachung einer √úberwachungskamera

Die Beamten hatten den erstaunlichen Auftrag, eine √úberwachungskamera ihrerseits zu √ľberwachen. Diese Video-Kamera war vor 18 Monaten auf einem Mast angebracht worden, weil zuvor immer wieder T√ľren von Autos, die an dieser Kreuzung hielten, von jungen M√§nnern aus der Siedlung aufgerissen und Taschen entrissen wurden. Aber auch der Mast mit der Kamera wurde mit gestohlenen Autos umgefahren. Zuletzt wurde er von drei 800 Kilo-schweren Betonbl√∂cke gesch√ľtzt.

M√∂glicherweise war der jetzige Angriff auf die Beamten eine Rache f√ľr eine Polizeirazzia, bei der 60 Kilo Haschisch sichergestellt wurden. Die B√ľrgermeister der beiden Anrainer-Gemeinden der Sozialbau-Siedlung, ein Konservativer und ein Kommunist, betonen beide, dass die Mehrheit der Bewohner der ‚ÄěGrande Borne‚Äú √ľber die kriminelle Minderheit klagen und die Attacke auf die Polizisten verurteilen. Aber in der Siedlung, in der Notstandsempf√§nger und junge Arbeitslose konzentriert wurden, sind etliche Familien in die kriminelle Schattenwirtschaft verwickelt.

Polizisten wollen Notwehrbegriff neu auslegen

Am Dienstag organisierten Polizeigewerkschaften landesweit Kundgebungen. Einige fordern Personalaufstockungen, andere auch eine √Ąnderung der Notwehr-Bestimmungen f√ľr Polizisten, die den Schusswaffengebrauch erleichtern w√ľrde. Laut Beh√∂rden wurden im Vorjahr 12.388 Polizisten verletzt und 6 get√∂tet. 2016 starben bereits 11 Beamte. Menschenrechtsorganisationen verweisen freilich auch auf nicht geahndete √úbergriffe durch Beamte, die das Vertrauen in die Polizei in Brennpunktvierteln untergraben w√ľrden.

Das Sicherheits-Thema d√ľrfte auch die anlaufende Kampagne f√ľr die franz√∂sischen Pr√§sidentenwahlen (April 2017) zusehends pr√§gen. Die SP-Regierung wirft dem vormaligen b√ľrgerlichen Pr√§sidenten Nicolas Sarkozy vor, er habe die Ordnungskr√§fte durch die Abschaffung der einstigen Nahbereichs-Polizei und einen radikalen Postenabbau (minus 13.000) geschw√§cht. Die sukzessiven Regierungen unter dem jetzigen Staatschef Francois Hollande halten es sich zu Gute, sie h√§tten dieses Manko durch die Schaffung von 9000 neuen Posten wieder auszugleichen versucht. Die Heranbildung und volle Einsatzbereitschaft dieser neuen Polizei-Rekruten w√ľrde aber noch Zeit erfordern.

Der konservative Ex-Pr√§sident Sarkozy, der sich mit harten Ordnungsparolen f√ľr seine Wiederwahl in Stellung bringen m√∂chte, beschuldigt hingegen die linke Staatsf√ľhrung um Hollande, sie w√ľrde einer angeblich ‚Äěviel zu laxen‚Äú Justiz Vorschub zu leisten.

Polizei-Einsatz mit Brandschutzwesten

Unterdessen hat Premierminister Valls angek√ľndigt, er beabsichtige Polizeiwagen, die in Problemzonen zum Einsatz kommen, mit Panzerungen gegen Steinw√ľrfe auszur√ľsten, und die dort intervenierenden Beamten mit Brennschutzwesten auszustatten. Solche Ank√ľndigungen verst√§rken freilich den Eindruck, dass in bestimmten Vierteln und Siedlungen b√ľrgerkriegs√§hnliche Gefahren lauern ‚Äď dass also politische Verantwortungstr√§ger und Sicherheits-Beh√∂rden gezwungen w√§ren, diese Siedlungen teilweise wie feindliche Gebiete zu betrachten.

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