Aster gelang nach drei Jahren die Flucht, als alle schliefen.

© /Ingrid Steiner-Gashi

Reportage aus Addis Abeba
08/08/2016

Äthiopien: Zur Haussklavin degradiert

Hunderttausende junge Frauen suchen in arabischen Staaten Arbeit und Lohn.

von Ingrid Steiner-Gashi

Aster war 19 Jahre alt, als sie ging. Atemberaubend hübsch, bitterarm und wild entschlossen, als Hausmädchen bei einer arabischen Familie im Libanon so viel Geld zu verdienen, dass sie ihre sechsköpfige Familie in Addis Abeba unterstützen könnte. "Ich hatte erwartet, dass sich mein Leben verbessern würde", sagt die 30-jährige äthiopische Frau heute.

Eine Hoffnung, die sich sofort nach ihrer Ankunft in Beirut zerschlug. "Ich musste 22 Stunden am Tag arbeiten, durfte nur zwei Stunden schlafen." Kochen, putzen, waschen, die Alten der Familie pflegen, die Kinder hüten und niemals, niemals eine Pause. Keinen freien Tag in der Woche – und die ersten Monate keinen Lohn. Denn diesen beanspruchte die äthiopische "Agentur" für sich, die den Vertrag zwischen den Hausmädchen und ihren Arbeitgebern ausgehandelt hat. Frauen, die im Ausland arbeiten wollen, nehmen mangels finanzieller Möglichkeiten meist zuerst einen Kredit bei den Menschenhändlern auf. Den müssen sie dann in monatelanger, manchmal jahrelanger Sklavenarbeit abstottern.

Misshandelt

Allein aus Äthiopien brechen jährlich mehrere Hunderttausende junge Frauen zum Arbeiten in die reichen Golfstaaten auf. Aster würde ihnen allen raten: "Geht nicht! Es gibt dort kein Leben." Jeder im Haus, so erinnert sich Aster mit Schrecken, "hat mir alles befehlen dürfen, selbst die Allerkleinsten. Sie haben mich beschimpft und misshandelt. Aber anderen Frauen in Beirut ist es noch viel schlechter ergangen."

Schläge, sadistische Gewalt, Vergewaltigungen durch den Hausherren – all diese Leidensgeschichten hat die Menschenrechtsorganisation Nolawi in Addis Abeba, die auch von der Caritas Österreich unterstützt wird, unendlich oft gehört. "Diese Frauen kommen oft vollkommen mittellos zurück, sind traumatisiert. Und oft gibt es auch hier nichts mehr für sie. Wir helfen ihnen schrittweise, wieder auf die Beine zu kommen", sagt Nolawi-Leiter Ferrew Lemma.

Er erzählt von einer Frau, die in Saudi-Arabien von ihrem Dienstgeber vergewaltigt wurde. Dessen eifersüchtige Ehefrau rächte sich daraufhin, indem sie der jungen Äthiopierin kochend heißes Wasser über das Gesicht schüttete. Äthiopiens Außenministerium holte die schwer verletzte Frau nach Hause zurück, ihre Dienstgeber wurden nicht angeklagt.

Zarkala wiederum wurde von ihrer "Gastfamilie" zwangskonvertiert. Die äthiopisch-orthodoxe dreifache Mutter war nach Saudi-Arabien gegangen, um ihre drei Kinder daheim durchzubringen. Sie blieb elf Jahre lang – nicht freiwillig, ihr Pass war ihr abgenommen worden. "Sie haben mich ständig geschlagen", schildert die 40-Jährige ihr tägliches 18-Stunden Arbeits-Martyrium. An Flucht war nicht zu denken. Andere Hausmädchen in Saudi-Arabien, die aus ihrem Arbeitsgefängnis ausgebrochen waren, landeten im Gefängnis. Eine Inderin, die vergangenen Herbst aus dem Haus ihrer Peiniger fliehen wollte, erlebte noch Schlimmeres. Die Hausherrin erwischte die rechte Hand der jungen Frau – und hackte sie ihr ab.

Einige Staaten wie etwa Nepal oder Uganda gestatten ihren Staatsbürgerinnen mittlerweile gar nicht mehr, in die Golfstaaten arbeiten zu gehen. Einzige Ausnahme: Ältere Frauen, die vermeintlich vor sexuellen Übergriffen im Haus ihrer Arbeitgeber besser geschützt scheinen.

180 Euro Lohn

Und Saudi-Arabien und Kuwait erließen vor Kurzem neue Gesetze für ausländische Hausangestellte: Mindestlöhne von jeweils 180 Euro, höchstens zwölf Stunden Arbeit pro Tag und einen Tag in der Woche frei. Praktiziert werde dies aber bis heute nicht, berichten Menschenrechtsorganisationen. Bis zu 50 Frauen flüchten nach wie vor täglich in Riad in eine Unterkunft, die für misshandelte Hausangestellte errichtet wurde. Die Äthiopierin Aster wagte die Flucht nach drei Jahren. "Ich bin davon gelaufen, als alle geschlafen haben", erzählt sie, "und habe dann eine andere Familie in Beirut gefunden. Dort ging es mir gut. Ich musste nur noch 14 Stunden am Tag arbeiten. Wenn ich wollte, durfte ich ab neun Uhr abends schlafen."

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