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Chronik Welt
04/05/2019

Wohnungsnot in Berlin: „Das ist unser Kiez“

In Berlin steigen die Mieten, Wohnungen sind knapp. Bewohner wehren sich nun mit einer Groß-Demo und einem Volksbegehren.

von Sandra Lumetsberger

Wer in der deutschen Hauptstadt nach einer bezahlbaren Wohnung sucht, braucht Stehvermögen, eine Bewerbungsmappe und viel Geduld. Zur Besichtigung stehen oft knapp hundert Menschen Schlange vor dem Haus. Ein Objekt am Prenzlauer Berg hat es kürzlich in die Medien geschafft: Eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Balkon für 599 Euro kalt lockte mehr als 1483 Interessenten an.

Ähnlich wie in London und Paris sind mittlerweile auch in Berlin die Mieten rasant gestiegen. Laut Institut der deutschen Wirtschaft haben sich die Nettomietpreise seit 2010 um 70,2 Prozent erhöht – von sechs auf elf Euro pro Quadratmeter. In begehrten Gegenden wie Kreuzberg, Neukölln oder Prenzlauer Berg liegen sie weit darüber. Im Bezirk Mitte, der vor allem bei Start-Up-Unternehmen beliebt ist, rangieren die Quadratmeterpreise gar zwischen 20 und 30 Euro. Gründer weichen in angrenzende Bezirke wie Moabit aus.

Bezahlbarer Wohraum ist also knapp und die Stadt zieht viele Menschen an, bis 2030 soll Belrin auf vier Millionen Einwohner wachsen. 194.000 Wohnungen müssten nach Berechnungen des Senats gebaut werden.

Wer derzeit sucht und bei Massenbesichtigungen Pech hat, versucht sein Glück auf der Straße. Auf Laternenmasten kleben Zettel mit Annoncen wie: „Nettes Paar mit Festanstellung sucht Altbauwohnung im Kiez, bis 600 Euro“. Als Finderlohn geben die einen Geld, die anderen selbstgebackenden Kuchen.

So kann es aus Sicht von Mieterinitiativen- und Verbänden nicht mehr weitergehen. Mehr als 260 Organisationen haben für Samstag zu Demonstrationen aufgerufen. Gleichzeitig startet die Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren. Rouzbeh Taheri ist das Gesicht der Aktion und eine Art Robin Hood Berlins, vor dem die Wohnungskonzerne derzeit zittern. Sein Plan: Enteignung gegen Entschädigung. Das Land Berlin soll den größten Wohnungsunternehmen, die mehr als 3000 Wohnungen besitzen, die Objekte abkaufen und zu fairen Konditionen vermieten. Um über diesen Vorschlag abzustimmen, braucht Taheri 20.000 Stimmen. Und erst bei 180.000 gültigen Stimmen kommt es zu einem Volksentscheid.

Das Vorhaben ist umstritten: Die einen sehen darin mehr Kosten als Nutzen, die anderen die einzige Möglichkeit, um Spekulationen am Wohnungsmarkt zu verhindern. Umfragen stimmen Volkswirt Taheri jedenfalls positiv, eine Mehrheit findet die Idee laut Forsa gut. Uneins ist die Berliner Regierung. Während die SPD noch mit ihrer Position ringt, haben sich Grüne und Linke dafür ausgesprochen.

Demo für Discounter

Steigende Mieten sorgen nicht nur bei Bewohnern für Ärger. Sie treffen auch Lokalbesitzer und Gewerbetreibende. Filmemacherin Stefanie lebt seit 36 Jahren in Kreuzberg und hat den Wandel im Bezirk miterlebt, erzählt sie dem KURIER. "Eine 90-Quadratmeter-Bleibe um 600 Euro - diese Zeiten sind längst vorbei." Ganze Häuserzüge werden von privaten Investoren aufgekauft, saniert und dann teurer vermietet – oder über Online-Plattformen an Berlin-Besucher vermittelt. „Wir waren zuerst da, das ist unser Kiez“, ärgert sie sich über die Investoren. Sie würden ältere Anwohner sowie Geschäftsleute verdrängen. Wo vor Jahren noch ein Bäcker und ein Schreibwarengeschäft war, sind heute hippe Cafés, die von Touristen besucht werden, berichtet sie. Genauso wie die Markthalle im Kiez. Dass dort hochwertige Produkte verkauft werden, sei ja gut, aber es braucht eine Mischung, „damit es sich alle leisten können“. Kürzlich demonstrierte sie mit Anwohnern für den Verbleib eines Discounters, der nicht mehr ins Konzept der Halle passte. Und bei einigen Demonstranten die Angst hervorrief: Wenn der gehen muss, wie lange dürfen wir noch bleiben.

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