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Chronik Welt
05/08/2021

Hoffnungsschimmer in der Pandemie: Suizidzahlen sinken

Trotz hoher psychischer Belastung gingen die Zahlen in vielen Ländern zurück. Wie sind diese Erkenntnisse einzuschätzen?

von Philipp Albrechtsberger

Welche Qualifikationen muss ein Minister haben? Die Frage wird oft und gerne gestellt – nicht nur in Österreich. Soll ein Fachstudium Voraussetzung sein oder sind Menschenkenntnis und Bürgernähe doch wichtiger? Und was fordert man eigentlich an Fähigkeiten ein, wenn es sich um ein Ministerium für Einsamkeit handelt, wie es Japan im Februar installieren ließ?

Wie oft Tetsushi Sakamoto sich in seinem mittlerweile 70 Jahre langen Leben einsam gefühlt hat, ist nicht bekannt. Der Japaner ist in seiner Heimat aber der Mann für die besonders heiklen Missionen.

Sakamoto war bereits zuständiger Minister für den Umgang mit Japans rückläufiger Geburtenrate sowie für die Förderung der wirtschaftlichen Wiederbelebung.

Seine aktuellen Aufgaben sind ebenfalls ernst, todernst sogar. Allein im Oktober 2020 waren in Japan laut den Behörden mehr Menschen durch Suizid (2.153) gestorben als von Pandemieausbruch bis Oktober 2020 an den Folgen einer Covid-Erkrankung (1.765). Als ein Grund ausgemacht wird die durch die Pandemie verstärkte Isolation, die in Ländern wie Südkorea oder Japan ohnehin stark ausgeprägt ist.

Dabei stellen die Zahlen aus Japan eine der wenigen Ausnahmen dar, wie eine aktuelle Studie vom renommierten medizinischen Fachmagazin The Lancet erstmals darlegt. Entgegen der vielen Annahmen und Befürchtungen ist die Selbstmordrate im ersten Jahr der Pandemie nicht gestiegen – ganz im Gegenteil. In den 21 untersuchten Industrieländern, 16 davon mit hohem Pro-Kopf-Einkommen, ging die Selbstmordrate in den ersten beiden Quartalen seit Ausbruch der Pandemie im Schnitt um elf Prozent zurück.

Wien als Ausreißer

Die Forscher zogen dafür nur offizielle Daten der jeweiligen Regierungen heran, in einigen Ländern konnten sie dank der guten Datenlage sogar bis auf regionale Ebene forschen. In Österreich war das in Tirol, Kärnten und Wien möglich. Als Vergleichswert dienten entsprechende Daten aus Vor-Corona-Zeiten. Die Studie ging sogar noch weiter, da sie pro Land – unter Berücksichtigung der sozialen Gegebenheiten vor Ort – einen Anstieg an Suiziden bereits einkalkulierte. Aber selbst unter diesem prognostizierten Wert blieb die Mehrheit der untersuchten Staaten.

Die anderen beiden (traurigen) Ausreißer neben Japan sind Puerto Rico und Wien. In der österreichischen Bundeshauptstadt wurden von 1. April bis 31. Oktober des vergangenen Jahres 101 Selbstmorde gezählt, von den Forschern erwartet wurden aber lediglich 77.

Wer Suizid-Gedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen wenden. Oft hilft bereits das Sprechen über die Gedanken dabei, sie zumindest vorübergehend auszuräumen. Wer für weitere Hilfsangebote offen ist, kann sich an die Telefonseelsorge unter 142 wenden: Sie bietet schnelle erste Hilfe an und vermittelt Ärzte, Beratungsstellen oder Kliniken.

Das neue österreichische Suizidpräventionsportal www.suizid-praevention.gv.at bietet Informationen zu Hilfsangeboten für drei Zielgruppen: Personen mit Suizidgedanken, Personen, die sich diesbezüglich Sorgen um andere machen, und Personen, die nahestehende Menschen durch Suizid verloren haben. Das Portal ist Teil des österreichischen Suizidpräventionsprogramms SUPRA des Gesundheitsministeriums.

Ein letztgültiges Urteil über die Entwicklung von Suiziden während der Pandemie wollten sich die Studienautoren nicht erlauben. Zu unklar sind die Langzeitfolgen der Krise auf die menschliche Psyche. Als Mitgrund angeführt für den globalen Rückgang werden die sozialen Sicherheitsnetze, die viele Länder mit Beginn der Corona-Krise gespannt haben. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Absicherung, sondern bereits um das Benennen von psychischen Gefahren in Ausnahmesituationen sowie das Hinweisen auf Beratungsangebote.

Unsichere Straßen

Darauf setzt auch Japans Einsamkeitsminister Tetsushi Sakamoto – und darf damit erste Erfolge vermelden. Im ersten Quartal 2021 sank die Selbstmordrate in seiner Heimat auf Vor-Corona-Niveau.

Dennoch sind nicht alle wissenschaftlichen Untersuchungen zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie erfreulich. In den USA etwa ist 2020 die Zahl der Verkehrstoten signifikant angestiegen – und das obwohl nachweislich weniger Betrieb auf den Straßen geherrscht hat. Der nationale Sicherheitsrat der USA registrierte bis zum September 2020 den größten Zuwachs an Todesfällen pro gefahrene Meile seit 96 Jahren.

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