Tupac-Prozess: Warum Duane Davis erst nach 30 Jahren lebenslange Haft droht
Graffiti-Porträt von Tupac Shakur
Jahrzehnte, nachdem Rap-Superstar Tupac Shakur auf einer Straßenkreuzung in Las Vegas von Kugeln durchsiebt wurde, muss eine Geschworenen-Jury ab Montag entscheiden, ob vor allem die Worte eines Mannes reichen, um ihn für einen der meist diskutierten Morde der Musikgeschichte lebenslang hinter Gitter zu schicken.
Duane „Keffe D“ Davis, 63, sitzt bereits seit einigen Tagen im Gerichtssaal von Las Vegas. Seit 10. August wurden rund 75 mögliche Geschworene einbestellt. Geprüft wurde, ob sie einen Fall unvoreingenommen beurteilen können, um den seit Jahrzehnten Bücher, Filme und Verschwörungstheorien kursieren. Nach den Eröffnungsplädoyers soll der Prozess in vier bis fünf Wochen beendet sein.
Überraschend: Die Staatsanwaltschaft behauptet nicht, dass Davis den Abzug betätigte.
Der Angeklagte Duane Davis
Sie wirft ihm vor, den Racheakt orchestriert und die Waffe beschafft zu haben. Nach Nevadas Recht kann ein Mittäter wegen Mordes verurteilt werden, auch wenn ein anderer schoss. Davis plädiert auf nicht schuldig. Ihm kann lebenslange Haft ohne Möglichkeit auf Bewährung drohen.
Wie alles begann
Die Geschichte beginnt am 7. September 1996 im MGM Grand. Nach dem Boxkampf Mike Tyson gegen Bruce Seldon geriet Shakur mit Orlando „Baby Lane“ Anderson von den rivalisierenden South Side Compton Crips aneinander. Kameras hielten fest, wie Shakur und Männer aus seinem Umfeld Anderson verprügelten.
Nach Darstellung der Ermittler war dies der Zündfunke. Davis, Andersons Onkel und eine Führungsfigur der Gang der Crips, habe eine Glock Kaliber 40 besorgt. Mit Anderson, Terrence Brown und Deandrae „Freaky“ Smith sei er im weißen Cadillac auf die Suche nach Shakur gegangen. Auf der Flamingo Road fand die Gruppe dessen BMW mit Death-Row-Chef Marion „Suge“ Knight am Steuer. Dann fielen die Schüsse. Shakur wurde viermal getroffen und starb sechs Tage später - mit erst 25 Jahren.
Wer genau schoss, muss die Anklage nicht beweisen. Lange galt Anderson als wahrscheinlichster Schütze; Davis selbst hatte ihn belastet. Anderson bestritt jede Beteiligung und wurde 1998 bei einer anderen Schießerei getötet.
Rapper Tupac Shakur wurde nur 25 Jahre alt
Doch selbst hier ist die Akte nicht eindeutig: Vor der Grand Jury sagte Denvonta Lee, ein früherer Davis-Vertrauter aus dem Crips-Umfeld, Smith habe geschossen. Lee war allerdings nicht selbst bei der Tat dabei. Für die historische Wahrheit ist das bedeutsam, Davis muss es juristisch aber nicht entlasten.
Auch die beiden anderen Männer im Cadillac sind tot. Fahrer Terrence Brown wurde 2015 in Compton erschossen, Deandrae „Freaky“ Smith starb 2004 eines natürlichen Todes. Davis ist der einzige noch lebende Insasse. Drei Männer, die seine Version bestätigen oder zerlegen könnten, fehlen. Damit beginnt das Problem der Anklage: Tatwaffe und Cadillac wurden in 30 Jahren nie sichergestellt; öffentlich bekannt sind keine forensischen Spuren, die Davis mit Waffe oder Wagen verbinden.
Das stärkste Beweismittel der Anklage sind deshalb gewissermaßen Davis’ eigene Worte. US-Medien charakterisieren seine Aussagen ausdrücklich als Rückgrat des Verfahrens. Jahrelang sprach er über die Tat. 2008 und 2009 erzählte er Ermittlern seine Version, später redete er vor Kameras.
2019 erschien sein Buch „Compton Street Legend“. Darin beschrieb er, im Cadillac gesessen, die Waffe besorgt und nach hinten weitergereicht zu haben. Genau diese Aussagen ließen einen nahezu erkalteten Mordfall wieder heiß werden. „Hätte er sich entschieden, dieses Buch niemals zu schreiben, wäre er wahrscheinlich niemals wegen dieses Verbrechens angeklagt worden“, sagte Staatsanwalt Marc DiGiacomo. Hat sich Davis selbst auf die Anklagebank geredet?
Richterin Carli Kierny hat zugelassen, dass sowohl das Buch als auch wichtige frühere Aussagen verwendet werden können. Davis hatte argumentiert, vor allem sein 2008 unter einer besonderen Vereinbarung geführtes Gespräch sei durch eine Immunitätszusage geschützt gewesen. Seine Verteidigung versucht zudem, die Stories des Angeklagten zu entwerten: Das Buch sei teilweise mit einem Co-Autor verfasst und für den Verkauf dramatisiert worden. Aus dem Mann, der mit Insiderwissen Geld und Aufmerksamkeit verdiente, soll so ein Geschichtenerzähler werden, dessen Prahlereien nicht mit Geständnissen verwechselt werden dürfen.
Wenn er nur geschwiegen hätte..
Hier verläuft die Sollbruchstelle. Der frühere Bezirksstaatsanwalt von Clark County, David Roger, der selbst Mordfälle verfolgte, sagt: „Dieses Buch wird im Mittelpunkt des Prozesses stehen.“ Weil die übrigen Männer aus dem Cadillac tot sind, müsse die Anklage möglichst viele Einzelheiten aus Davis’ Erzählung mit unabhängigen Fakten und Zeugen absichern. Roger formuliert die Gefahr für Davis drastisch: Hätte er geschwiegen, wäre er womöglich nie angeklagt worden.
Boden-Graffiti, wo Tupac Shakur ermordet wurde
Verteidiger Michael Sanft hält dagegen, man messe Äußerungen „für Unterhaltungszwecke“ viel zu viel Gewicht bei: Das sei keine Beichte, sondern Werbung für ein Buch gewesen. Die entscheidende Frage lautet deshalb, ob unabhängige Beweise Davis’ Erzählung ausreichend stützen.
Die Verteidiger werden deshalb jede Abweichung nutzen: Wer saß wo? Wer bekam die Waffe? War Anderson oder Smith der Schütze? Welche Details wusste Davis wirklich selbst? Je stärker seine Versionen auseinanderlaufen, desto leichter lässt sich aus dem Insider ein unzuverlässiger Erzähler machen.
Für die Anklage spricht, dass Teile von Davis’ Erzählung mit unabhängig belegten Abläufen übereinstimmen – etwa die Prügelei im MGM und wesentliche Umstände des späteren Angriffs. Ob und wie Davis die Waffe beschaffte und weitergab, gehört dagegen zu dem, was die Jury erst klären muss.
Für Davis spricht die Zeit. Drei Jahrzehnte lassen Erinnerungen zerbröseln und Zeugen sterben. Die Waffe fehlt, der Wagen fehlt, drei der vier Männer im Cadillac fehlen. Die Jury muss trennen zwischen dem, was Davis tatsächlich wusste, und dem, was er später womöglich zur Legende seines Gangsterlebens ausbaute. Der Ausgang ist offen. Entscheidend dürfte sein, wie viel unabhängige Bestätigung die Staatsanwaltschaft für Davis’ eigene Worte liefern kann.
Hat Davis den Rachefeldzug organisiert, die Waffe beschafft und damit den Mord ermöglicht? Die Staatsanwaltschaft sagt ja. Davis sagt nein. Nach 30 Jahren steht zwischen beiden Versionen kein rauchender Colt. Sondern vor allem das Wort eines Mannes gegen seine eigenen Worte.
Kommentare