Waldtier-Populationen können sich durch die richtigen Maßnahmen auch wieder erholen, wie das Beispiel der Gorillas in Zentralafrika zeigt. 

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Chronik | Welt
08/13/2019

Tiere: Großes Artensterben im Wald und zu Wasser

Seit 1970 hat sich die Population der Waldtiere halbiert. Auch der Bestand großer Süßwassertierarten schrumpft drastisch.

"Der Niedergang der Natur vollzieht sich in einem nie dagewesenen Tempo." Mahnende Worte fand Grethel Aguilar, Direktorin der Weltnaturschutzunion (IUCN) vor wenigen Wochen bei der Präsentation der neuesten Fassung der roten Liste an gefährdeten Arten: 105.000 Arten sind dort aktuell gelistet; 28.000 gelten als direkt vom Aussterben bedroht. Sollte die Menschheit nicht zu "tiefgreifenden Änderungen" bereit sein, könnten "in den kommenden Jahrzehnten" rund eine Million Tier- und Pflanzenarten ausgestorben sein.

Am Dienstag veröffentlichte der WWF die Studie Below The Canopy, die ein ähnliches ernüchterndes Fazit zieht: Die Tierbestände in Wäldern rund um den Globus sind zwischen 1970 und 2014 durchschnittlich um mehr als die Hälfte zurückgegangen. 

Es ist die erste Untersuchung, die sich speziell der Entwicklung der globalen Tierpopulationen in Wäldern widmet: Insgesamt wurden die Daten von 268 Wirbeltierarten und 455 Populationen untersucht, die in Wäldern leben und vollständig von ihnen abhängig sind. Im Schnitt gingen diese Bestände von Vögeln, Säugetieren, Amphibien und Reptilien seit dem Jahr 1970 um durchschnittlich 53 Prozent zurück. 

Als Hauptgrund für das Artensterben gilt der durch Menschen verursachte Lebensraumverlust. Entwaldung und Degradierung der Wälder seien zu 60 Prozent für den Einbruch der Tierbestände verantwortlich. Besonders ausgeprägt ist die Situation in den Tropen, wie etwa dem Amazonas-Regenwald.

Doch Entwaldung ist nicht das einzige Problem, auch die Waldqualität nimmt laut der Umweltschutzorganisation stetig ab. Tiere sind einer Vielzahl von Bedrohungen ausgesetzt, wozu neben dem Lebensraumverlust auch Wilderei, invasive Arten, die Erderwärmung oder Krankheiten gehörten. In manchen Regionen, insbesondere in Zentralafrika, habe man es mit dem sogenannten "empty forest syndrome" zu tun – auf den ersten Blick intakte Wälder, in denen aber kaum noch Tiere leben.

Österreich

Österreich selbst sei weniger vom Artensterben betroffen, so der WWF auf KURIER-Anfrage. Dennoch bedrohe die intensive Bewirtschaftung heimischer Wälder den Lebensraum vieler Tierarten. Obwohl fast die Hälfte der Fläche Österreichs bewaldet ist, gelten nämlich nur ein Viertel der Wälder als naturnah und drei Prozent als natürlich.

Auf den ersten Blick völlig intakte Waldflächen bedeuten nicht automatisch, dass darin eine reichhaltige Tierpopulation wohne. So finden etwa die beiden Käferarten des Eichen- und des Alpenbocks durch die Forstwirtschaft in heimischen Wäldern zu wenig alte Bäume oder Totholz, das sie als Lebensgrundlage benötigen.

Ein weiteres Beispiel nennt WWF-Artenschutzexperte Christian Pichler gegenüber dem KURIER: "Als Beispiel für Arten, die durch intensiv forstlich genutzte Wälder bedroht sind, dient der Weißrückenspecht. Er ist auf totes und beschädigtes Holz angewiesen, da unter dessen Rinde Raupen, Käfer und Larven leben. In Wirtschaftswäldern mit ihren schnurgeraden Bäumen, die eine monotone Altersstruktur aufweisen, findet er nicht genügend Nahrung vor und kann auch keine Schlaf- und Bruthöhlen hineinzimmern.“ Weitere österreichische Arten, die waldgebunden und gefährdet sind, sind etwa die Mopsfledermaus oder der Hirschkäfer.

Neben all den Negativbeispielen nennt die Studie auch Positives: So konnte die Population von Gorillas in Zentral- und Ostafrika oder jene der Kapuzineraffen in Costa Rica durch ein Bündel an Maßnahmen wieder belebt werden.

Angesichts dieser Entwicklung fordert der WWF die Staatengemeinschaft auf, den planetaren Wald-Notstand zu erklären und einen "New Deal" für Mensch und Natur zu schließen. 2020 sei das zentrale Jahr, entscheidende Schritte einzuleiten.

GeStörte Gewässer

Nicht nur zu Land schrumpfen Tierbestände massiv. Forscher vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei wiesen in Berlin im Fachblatt Global Change Biology darauf hin, dass die Bestände vieler großer Süßwassertierarten rund um den Globus drastisch zurückgegangen sind. Bei Arten mit einem Gewicht von mehr als 30 Kilogramm haben sich die weltweiten Populationen von 1970 bis 2012 um 88 Prozent dezimiert. "Große Fischarten wie Störe, Lachsfische und Riesenwelse sind besonders betroffen: Sie führen mit 94 Prozent die traurige Spitze an, vor Reptilien mit 72 Prozent Rückgang", teilte das Institut mit.

Zu den Ursachen zählen Übernutzung, etwa für den Konsum von Fleisch und Kaviar, sowie Lebensräumzerstörung. Staudammprojekte rund um den Globus würden zudem den Fischen Zugang zu Laich- und Futtergründen versperren.

Donau: Fünf von sechs Störarten bedroht

Österreich ist da keine Ausnahme: So verwies der WWF darauf, dass von den sechs Störarten, die es früher in der Donau gab, fünf als vom Aussterben bedroht gelten. "Heute schaffen es die Wanderfische aufgrund der Unterbrechung der Donau durch ein Kraftwerk nur noch bis zum Eisernen Tor an der Grenze von Serbien und Rumänien", sagte WWF-Gewässerexperte Gerhard Egger.

Statistisch betrachtet, unterbricht nach jedem Flusskilometer ein Bauwerk lebensnotwendigen Raum. Von den rund 5.200 Wasserkraftwerken des Landes hätten drei Viertel keine funktionierende Fischaufstiegshilfe. "Angesichts des enormen Verlust des natürlichen Gewässerraums, braucht es einen umfassenden Renaturierungsplan. Modellfälle zeigen, dass sich die Gewässerfauna durch Rückbauten nicht mehr gebrauchter Dämme, Wehren und anderer Uferbefestigungen sehr rasch regenerieren kann", so Egger.

Doch dazu bräuchte es auch entsprechenden politischen Willen zu Taten. Der bundesweite Fördertopf für ökologische Sanierungen wurde 2015 von 23 Millionen Euro pro Jahr auf null heruntergefahren. Seitdem wurde er nicht wieder befüllt.