Mit dem Handy zahlen? Schnee von gestern: Südkoreaner zahlen mit dem Gesicht
Knapp fünf Millionen Menschen nutzen sie schon - die Möglichkeit, beim Zahlen in Südkorea weder ihre Geldbörse noch eine Bankkarte oder das Handy herauszufischen. Stattdessen halten sie ihr Gesicht an einen Gesichtsscanner in rund 330.000 Einzelhandelsgeschäften, Cafés, Restaurants und Supermärkten.
Erst vor acht Monaten startete Toss, eine südkoreanische Fintech-App, mit ihrem FacePay-Dienst - und wird seither regelrecht gestürmt. Bis Jahresende peilt Toss 10 Millionen Nutzer und eine Million Einzelhandelsstandorte an. „Wir wollen physische Kreditkarten in Korea innerhalb von drei Jahren abschaffen“, schildert Junho Choi, der die Entwicklung von FacePay bei Toss leitet, der Financial Times.
Wie funktioniert es? Nutzer müssen sich bei der App registrieren und ein amtliches Identitätsdokument vorlegen. Sorgen, dass dabei Daten missbraucht werden könnten, scheinen die Südkoreaner und Südkoreanerinnen wenig zu plagen. Schon jetzt zählt das asiatische Land zu den bargeldlosesten Staaten der Welt.
Toss-Gründer Lee Seung-gun
Und der Umgang mit biometrischen Daten, also Gesichtserkennung, zählt ohnehin längst schon zum Alltag. An den Flughäfen etwa öffnen sich alle weiteren Schranken von allein, wenn man einmal seinen Pass oder Ausweisdokument gezückt hat.
Verschlüsselung
Toss versichert, Gesichtsinformationen und personenbezogene Daten getrennt und verschlüsselt zu speichern, beides wird nur mit Zustimmung des Nutzers verwendet. Südkoreas Kommission für den Schutz personenbezogener Daten bestätigte, dass die Verschlüsselungsmethoden und das Sicherheitsniveau der App den erforderlichen Standards entsprechen.
„Wenn FacePay in Korea zum allseits beliebten Zahlungsmittel wird, können wir ins Ausland expandieren“, sagt Choi. Noch aber gibt es auch in Südkorea Vorbehalte - vor allem in Bezug auf Sicherheit. Wobei Experten feststellen, dass biometrische Daten sicherer und weniger anfällig für Hackerangriffe als Sicherheitscodes seien. Sie warnen aber davor, dass Sicherheitslücken schwerwiegendere Folgen haben könnten: Gesichtsdaten können bei Problemen mit der Technik nicht wie Passwörter geändert werden.
Auch der koreanische Tech-Gigant Naver Pay trat im Vorjahr in den Markt ein, mit dem Ziel, seinen dominanten Online-Marktanteil auf den stationären Einzelhandel auszudehnen. Man startete bereits im März 2025 auf den Unis, im Herbst begann die App auch den Handel aufzuarbeiten: „Es handelt sich um einen Service, der auf künstlicher Intelligenz (KI) basiert und einen Komfort bietet, den die Nutzer nicht mehr missen möchten. Gleichzeitig verfügt er über ein fortschrittliches Sicherheitssystem mit integrierter Betrugserkennung“, sagte Lee Seung-bae, Chief Technology Officer von Naver Financial.
Als erstes Land hat China mit dem Zahlen per Gesicht experimentiert, andere Staaten folgten bald. In Europa, wo man der Gesichtserkennung generell eher skeptisch gegenübersteht, könnte es noch dauern.
- China führte 2017 die Methode ein, als Alipay in Hangzhou die Funktion „Smile to Pay“ in Schnellrestaurants testete. Seitdem hat sich der Dienst auf über 1.000 Städte mit über einer Million Terminals im Einzelhandel, im öffentlichen Nahverkehr und im Bankwesen ausgeweitet.
- Seit Mitte 2023 ermöglicht auch die Sberbank pay by face in Russland. Dutzende Millionen Zahlungen wurden seither in Moskau und St. Petersburg so abgewickelt.
- In Japan kann in U-Bahnen per Gesichtserkennung bezahlt werden, nachdem das System Ende 2023 erstmals in Kumamoto eingesetzt wurde.
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