Ein Tabu und doch im Trend: Dating in Saudi-Arabien
Ein Paar in Saudi-Arabien sieht in den Sonnenuntergang
Im islamischen Königreich sind sie nach wie vor strengstens verboten: Außerehelicher Geschlechtsverkehr und Homosexualität. Trotz einiger gesellschaftlicher Lockerungen in den vergangenen Jahren können Richter Menschen für einvernehmlichen Sex, den der Staat als unrechtmäßig betrachtet, zu Auspeitschung, Haftstrafe oder zum Tod verurteilen.
Nicht verboten, aber immer noch äußerst heikel sind romantische Annäherungen zwischen zwei Menschen. Wo früher ausschließlich Eltern entschieden, wen die Tochter oder der Sohn kennenlernen und dann heiraten darf, greifen mittlerweile mehr und mehr saudische Jugendliche sowie junge Frauen und Männer zum Handy und zur Dating-App.
Allein im Vorjahr wurden 3,5 Millionen Mal die entsprechenden Apps von Tinder, Bumble und Co. heruntergeladen - in einem religiös ultra-konservativen Land mit 35 Millionen Einwohnern. Der Trend setzte vor rund fünf Jahren ein, seither steigen die Zugriffszahlen exponentiell.
Wobei das Daten, dem die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung extrem ablehnend gegenübersteht, völlig anders verläuft als im Westen.
Selfies sind selten
Frauen etwa zeigen auf ihren Profilbildern äußerst selten sich selbst, sondern meist Fotos ihrer Hände; ihrer Haustiere, manchmal von Orten, wo man sich treffen könnte. Einige, wenige, die sich doch offen auf Fotos präsentieren, tragen stets - wie für saudische Frauen Pflicht - Abaya und Kopftuch. „Ich suche einen Partner, der Sport betreibt“, ist in den Wünschen einer 20-Jährigen an einen potenziellen Mann zu lesen, „aber wenn du eine lockere, kurze Beziehung suchst, wisch nach links.“ (was so viel bedeutet, wie: nicht interessiert).
Auch Männer posten meist Fotos von sich in traditioneller saudischer Kleidung - mit knöchellanger Thobe und weißem Kopftuch.
Kommt es zu einem Match, und ein Treffen ist geplant, wartet die nächste Herausforderung: Bis vor wenigen Jahren wuchsen die Geschlechter in Saudi-Arabien streng getrennt voneinander auf.
Erst seit Kronprinz Mohammed bin Salman das Land auf Modernisierungskurs schickte, wurde gesellschaftlich liberalisiert: Seit 2017 hat Saudi-Arabien die Religionspolizei eingeschränkt, das Fahrverbot für Frauen aufgehoben, die Geschlechtertrennung in Restaurants und Cafés aufgehoben und Kino- und Musikveranstaltungen gefördert. In den vergangenen Monaten hat das Königreich zudem stillschweigend die lange geltenden, strengen Alkoholbeschränkungen zumindest für Ausländer gelockert.
Treffen in angesagten Cafés der größeren Städte oder bei Musik-Events sind möglich, absolut tabu aber bleiben Zärtlichkeitsbekundungen in der Öffentlichkeit. Hänchen halten oder Küsschen auf die Wange - absolut verboten.
Findet ein Paar via Dating-App zusammen, muss das noch lange nicht heißen, dass geheiratet wird. Meist reden die Eltern dann doch noch ein Wörtchen mit - und zum anderen, berichteten einige junge Saudi-Männer einem Reporter des Wall Street Journals, schämten sie sich, die Frauen über Dating kennengelernt zu haben. Und nicht selten warfen sie den Frauen vor, überhaupt auf den Dating-Plattformen aktiv gewesen zu sein.
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