Chronik | Welt
26.08.2018

Papst enttäuscht Missbrauchs-Opfer

Bei seinem Irland-Besuch schlugen Papst Franziskus zum Teil Kritik und Enttäuschung entgegen

Colm O’Gorman war 14 Jahre alt, als er 1980 zum ersten Mal von einem Priester vergewaltigt wurde. Zweieinhalb Jahre lang wurde er immer wieder missbraucht, bis er aus seinem Heimatort im südostirischen Wexford weglief. Erst zehn Jahre später fand O’Gorman den Mut, das Verbrechen den staatlichen Behörden zu melden. Seitdem kämpft er mit hunderten weiteren Opfern von Sexmissbrauch durch katholische Geistliche in Irland für Gerechtigkeit.

Seine Erwartungen an Papst Franziskus vor dessen zweitägigem Besuch auf der Grünen Insel am vergangenen Wochenende waren groß – doch sie wurden enttäuscht. In mehreren Erklärungen anerkannte der Papst zwar die „offene Wunde“ in der irischen Gesellschaft und bat um Vergebung. „Niemand von uns kann behaupten, dass ihn die Berichte junger Menschen, die missbraucht, ihrer Unschuld beraubt und verletzt wurden, nicht berühren“, sagte der Papst am Sonntag bei einem Besuch im Marienwallfahrtsort Knock im Westen Irlands.

O’Gorman hatte auf mehr gehofft: „Es ist eine Schande, dass der Papst wieder nicht eingestand, dass Missbrauch in vielen Teilen der Welt systematisch vertuscht wurde. Und dass der Vatikan dafür verantwortlich war.“

Opfervertreterin Maeve Lewis zeigt sich ebenfalls enttäuscht: „Franziskus hat eine große Gelegenheit verpasst, konkrete Schritte im Kampf gegen Sexmissbrauch in der Kirche zu präsentieren.“ Was fordern die Opfervertreter? „Der Vatikan hält in seinen Archiven immer noch Tausende Akten geheim, die Missbrauchsanschuldigungen auflisten. Die irischen Behörden würden diese dringend benötigen, um Vorwürfe aufzuklären“, erklärt Lewis. Bedauerlich sei überdies, dass der Papst die Empfehlungen der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen nicht umsetze. Diese hatte unter anderem gefordert, ein Kollegium im Vatikan einzurichten, um auf Vertuschungsvorwürfe umgehend reagieren zu können.

Nur 500.000 bei Messe

Irland galt lange als katholisches Vorzeigeland Europas. Kirchenobere gaben über Jahrzehnte soziale sowie gesellschaftliche Regeln vor und diktierten den jeweils Regierenden Gesetze. Als Papst Johannes Paul II. 1979 als erster Pontifex Irland besuchte, verfiel das Land in kollektive Begeisterung. In den 90er-Jahren erschütterte eine Reihe von Missbrauchsskandalen das Land. Sie schadete dem Ansehen der Kirche schwer. Bei der Freiluftmesse von Johannes Paul II. 1979 füllten mehr als eine Million Besucher den Dubliner Phoenix Park. Gestern, Sonntag, Nachmittag kamen knapp 500.000, um dort Franziskus zu sehen.

Dessen Besuch in Irland wurde von neuen schweren Vorwürfen aus den USA zum Thema Missbrauch getrübt. Erzbischof Carlo Maria Viganò, von 2011 bis 2016 Nuntius in der US-Hauptstadt Washington, forderte Franziskus in einem Schreiben zum Rücktritt auf.