Chronik | Welt
04/17/2019

Notre-Dame soll nur knapp kompletter Zerstörung entgangen sein

"15 bis 30 Minuten" später hätte es laut Innenstaatssekretär Laurent Nuñez schlecht für die Kathedrale ausgesehen.

Nach dem Großbrand in Notre-Dame geht man nun davon aus, dass die Kathedrale nur knapp einer kompletten Zerstörung entging, das sagte der französische Innenstaatssekretär Laurent Nuñez nun in einem Bericht im Spiegel. Die Feuerwehrleute hätten das Gebäude gerettet, aber "wir wissen jetzt, dass alles auf 15 bis 30 Minuten ankam", sagte er in dem Bericht.

Nuñez hat nach dem verheerenden Brand den Einsatz der Feuerwehrkräfte gelobt. Sie seien "mutig und entschlossen" gewesen - und hätten ihre Leben riskiert, um die Struktur des Steingebäudes und die beiden Türme zu retten, wird er in dem Bericht zitiert. Auch Papst Franziskus dankte bei der Generalaudienz am Mittwoch im Vatikan den Feuerwehrleuten und Einsatzkräften. "Ihnen gilt der Dank der ganzen Kirche. Die Muttergottes segne und unterstütze die Wiederaufbauarbeiten", so Papst Franziskus.

Nach dem Großbrand kämpften Experten und Behörden um die Sicherung des 850 Jahre alten Gebäudes. Die Struktur der gotischen Kirche war zwar weitgehend stabil, allerdings wurden mehrere Schwachstellen entdeckt, wie Nuñez am Dienstag sagte.

Die Experten prüfen derzeit das Ausmaß der Schäden, die der verheerende Brand angerichtet hatte. Die Struktur der gotischen Kathedrale und die Fassade mit den beiden Haupttürmen konnten gerettet werden.

Hahn der Turmspitze in Trümmern gefunden

Bei den Arbeiten wurde nun eine schon verloren geglaubte Skulptur in den Trümmern wiedergefunden: Der Hahn der Turmspitze. Laut französischen Medienberichten ist jener Hahn in den Trümmern entdeckt worden, der sich auf der Spitze des Turmes befand, der eingestürzt ist. Die Skulptur ist wertvoll, da sie mehrere Heiligtümer beherbergt. Ob sich diese noch darin befinden, war zunächst nicht bekannt.

Die Bronze-Skulptur zierte die Turmspitze und stürzte bei dem verheerenden Feuer mit in die Tiefe. In ihr sind ein Stück der Dornenkrone, eine Reliquie des heiligen Dionysius und eine Reliquie der heiligen Genovefa eingelassen.

Die frohe Kunde über den Fund des Hahnes samt Fotos veröffentlichte Jaques Chanut, Chef der "Federation francaise du batiment" (französischer Bauverband), am Dienstagabend auf Twitter. Laut der Tageszeitung Le Figaro wurde der Fund vom Direktor der Notre Dame, Patrick Chauvet, bestätigt.

Ob sich die wertvollen Heiligtümer noch immer im Hahn befinden und - wenn ja - in welchem Zustand sie sind, ist bisher noch nicht bekannt. Die Tageszeitung Le Parisien zitierte eine Quelle aus dem Kulturministerium zum Zustand der Skulptur: "Er ist etwas verbeult, aber wahrscheinlich restaurierbar. Da er eingedrückt ist, hat man noch nicht überprüfen können, ob sich die Reliquien noch immer darin befinden."

Während manche Experten von 20 Jahren Bauzeit für den Wiederaufabau der Kathedrale ausgehen, verprach Frankreichs Präsident Emanuel Macron einen Aufbau der Pariser Kathedrale Notre Dame innerhalb von fünf Jahren. Beim Wiederaufbau könnte der bisherige Holzdachstuhl durch eine Version aus Metall ersetzt werden. Experten verwiesen auf ähnliche Maßnahmen bei anderen zerstörten Kirchengebäuden.

Kathedrale könnte Dach aus Metall bekommen

Manche könnten sich nur einen originalgetreuen Wiederaufbau der Kathedrale vorstellen, sagte der Londoner Architekt Francis Maude. Er war nach dem Brand im Schloss von Windsor in den 90er-Jahren an dessen Restaurierung beteiligt gewesen. Tatsächlich aber sei das nur eine von mehreren Möglichkeiten. Maude nannte als Beispiel die im Ersten Weltkrieg beschädigte Kathedrale von Reims. Sie hat seitdem ein feuerbeständiges Stahldach.

Ähnlich sieht das auch der Kunsthistoriker Stephan Albrecht von der Universität Bamberg, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Architektur von Notre Dame gehört. Er sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er könne sich nicht vorstellen, dass der Dachstuhl aus Holz nachgebaut werde. Die Baupläne aus dem 13. Jahrhundert seien nicht mehr verfügbar, es gebe nur "vage Zeichnungen".

 Albrecht verwies auf den Stephansdom in Wien: Dessen hölzerner Dachstuhl war 1945 völlig abgebrannt und wurde durch eine Konstruktion aus Stahl ersetzt. "Das ist ein Riesenverlust, aber der Dachstuhl (von Notre-Dame) wird nachher ein anderer sein", sagte der Kunsthistoriker.