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Chronik Welt
11/05/2019

Nobelpreis für Peter Handke: Gerechtigkeit für Bosnien

Die schwedische Kronprinzessin kommt nach Sarajewo, wo vor der schwedischen Botschaft demonstriert wird.

von Elke Windisch

Strahlend und merklich um Herzlichkeit bemüht sind Schwedens Kronprinzessin Victoria und Prinz Daniel zu ihrem dreitägigen Besuch in Sarajevo eingetroffen. Auf dem Programm stehen Besuche von Museen und kulturellen Einrichtungen sowie die Teilnahme an einer Klima- und Innovationskonferenz des bosnischen Parlaments. Daher begleitet Vizepremierministerin Isabela Lovin, in Personalunion Ministerin für Klima und Umweltschutz, die Royals.

Zwei Auslandsbesuche jährlich, so heißt es in einer Pressemitteilung der schwedischen Botschaft in Sarajevo, gehörten zur Pflichtkür des Thronfolgerpaars. Der in Bosnien diene der „weiteren Vertiefung der bilateralen Beziehungen“. Diese seien „sehr gut“. Sie waren es zumindest bis zum 10. Oktober, als die Schwedische Akademie den diesjährigen Nobelpreis für Literatur an Peter Handke vergab. Dieser hatte öffentlich Kriegsverbrecher wie Slobodan Miloševic verteidigt. Er war als Staatschef Rumpfjugoslawiens einer der Hauptschuldigen für den blutigen Bosnienkrieg Anfang der Neunziger.

In Schweden, wo derzeit über 80.000 Bürger Bosniens leben, in Österreich mit einer ähnlich starken Diaspora und in Bosnien selbst schlugen die Wogen der Empörung hoch. Von Instinktlosigkeit und Beleidigung der gesamten Menschheit war häufig die Rede.

Überlebende zeigten sich fassungslos: Handke habe für die Kriegstoten, ihre Hinterbliebenen, für Verstümmelte und Vergewaltigte nie ein Wort der Empathie gefunden, aber bei der Beisetzung von Miloševic 2006 Krokodilstränen vergossen.

Wogen glätten

Weil die Akademie in Stockholm sich mit dem Attribut „Königlich“ schmücken darf, will die Thronfolgerin offenbar höchstselbst die Wogen glätten. Einfach dürfte das nicht werden. Als sie und ihre Entourage bereits im Flugzeug saßen, protestierten Organisationen der Zivilgesellschaft erneut vor der schwedischen Botschaft in Sarajevo. „Genauso gut hätten Sie postum Slobodan Miloševic, Radovan Karadžic oder Adolf Hitler und allen anderen Faschisten, die die Zivilisation planmäßig ausgerottet haben, die Auszeichnung verleihen können“, heißt es in einem Brief für das schwedische Königspaar, den die Protestler übergaben.

Er enthält auch eine Einladung für die Gedenkfeier im Juli 2020, wenn sich der Tag des Massakers von Srebrenica zum 25. Mal jährt, bei dem serbische Milizen über 8.000 bosnische Muslime umbrachten. Hunderte bisher nicht identifizierte Leichen liegen bis heute in Kühlcontainern. Hunderte Kinder haben bis heute nicht mal ein Grab, an dem sie über den Verlust von Eltern und Geschwistern trauern können.

So wie Zijo Ribic. Er war erst acht Jahre alt, als serbische Paramilitärs seine sieben Geschwister, den Vater und die hochschwangere Mutter töteten. Vor seinen Augen. Er selbst kam nur mit dem Leben davon, weil er sich tot stellte. Immer, wenn die muslimischen Feiertage nahen, die im Kreise der Familie gefeiert werden, würde er am liebsten in Tiefschlaf verfallen: „Für mich gib es niemanden mehr, zu dem ich fahren könnte. Oder der zu mir kommt.“