Karstadt-Gebäude am Hermannplatz, das 1929 eröffnete wurde und einen U-Bahn-Zugang hatte.

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Chronik Welt
01/21/2019

Neuer alter Glanz für Karstadt in Berlin

Das Kaufhaus am Hermannplatz soll sein Aussehen aus den 1920er-Jahren zurückerhalten.

von Sandra Lumetsberger

Es war das Wahrzeichen der Weimarer Zeit und hätte genauso gut in Manhattan, New York, stehen können: Als am 21. Juni 1929 das Karstadt-Gebäude am Hermannplatz eröffnet wurde, galt es als eines der modernsten Kaufhäuser in Europa: 70.000 Quadratmeter Fläche, sieben Etagen, verbunden durch 24 Rolltreppen, 24 Personen- sowie 13 Speise- und acht Lastenaufzügen. Auf der 4.000 Quadratmeter großen Dachterrasse wurde zu Livemusik getanzt. Bis zu 500 Menschen haben dort Platz gefunden.

Viel ist nicht geblieben vom Glanz der vergangenen Tage. Das Karstadt-Kaufhaus am Verkehrsknotenpunkt Hermannplatz, zwischen Neukölln und Kreuzberg, unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum vom Erscheinungsbild anderer Häuser. Nur ein Teil der Muschelkalkfassade auf der Südseite stammt aus den 1920er-Jahren.

Geht es nach dem neuen Eigentümer Signa, könnte künftig das ganze Haus wieder in diesem Stil renoviert werden. Man wolle das Gebäude umgestalten, „es erhält seine ursprüngliche Größe und sein Aussehen aus den 20ern des letzten Jahrhunderts zurück“, steht auf der Webseite des Unternehmens. Mehrere deutsche Medien hatten zuvor berichtet.

Es wäre nicht die erste Renovierung eines ehemaligen Prachtbaus in Berlin, doch für die Stadtgeschichte hat das Karstadt eine besondere Bedeutung, weiß Historiker Hanno Hochmuth vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Eigene U-Bahn

Das Kaufhaus am Hermannplatz verfügte als erstes in Europa über einen direkten Zugang zur U-Bahn. Was ebenfalls neu war, ist der Stil. Die 72 Meter hohen Leuchttürme waren „eine Reminiszenz an das antike Babylon“ und erinnerten an „einen altbabylonischen Tempel“, erklärt Hochmuth im Gespräch mit dem KURIER. Sie dienten später als Orientierungszeichen für die Flugzeuge am nahe gelegenen Flughafen Tempelhof. Gleichzeitig zogen sie Kunden an – eine Leuchtreklame, die kilometerweit zu sehen war. Mit dem Standort Kreuzberg/Neukölln entschied man sich bewusst für eine Kleine-Leute-Gegend, die von Arbeitern geprägt war. „Mit dem Konsumtempel wollte man eine neue Zielgruppe erschließen“, sagt Hochmuth – „ein Beispiel für die Teilhabe an der demokratischen Massenkultur der Weimarer Republik“.

Für kurze Zeit ging der Plan auch auf – bis im Herbst 1929 die Weltwirtschaftskrise Deutschland traf und Tausende Berliner ihre Arbeit verloren. Eine weitere Zäsur erlebte das Kaufhaus mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und den Arisierungsmaßnahmen, die nicht nur das Personal betrafen. „Schriftsteller wie Heinrich Mann oder Erich Kästner, die dort Lesungen hielten, durften nicht länger auftreten“, sagt Hochmuth. Im Laufe des Krieges diente es nur mehr als Depot für Lebensmittel.

Es waren letztlich nicht die Flieger oder Bomben, die es 1945 zerstörten, sondern die Nationalsozialisten selbst. „Sie sprengten es in die Luft, das war Teil ihrer Politik der verbrannten Erde“, sagt Hochmuth. Fünf Jahre später begann der Wiederaufbau – schlicht und einfach, grau und klobig, finden andere. Oder wie der Experte findet: "Ein typisch schmuckloser Behelfsbau der 1950er-Jahre.“