FILE PHOTO: New cardinal Marx of Germany leaves after receiving the red biretta from Pope Benedict XVI during the Consistory ceremony in Saint Peter's Basilica at the Vatican

© REUTERS / Tony Gentile

Chronik Welt
06/04/2021

Münchner Kardinal will nach Missbrauchsskandalen "Mitverantwortung" übernehmen

Der 67-jähriger Kardinal Marx bittet den Papst um Entbindung von Bischofsamt. Er wolle ein "Zeichen" für eine Erneuerung setzen.

Nach einem ebenso ungewöhnlichen wie überraschenden Rücktrittsangebot des Münchner Kardinals Reinhard Marx wächst der Druck auf dessen Kölner Amtskollegen Rainer Maria Woelki. Marx gab am Freitag in München bekannt, dass er Papst Franziskus vor dem Hintergrund der Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche um eine Entbindung von seinem Amt als Münchner Erzbischof gebeten habe. Er wolle damit "Mitverantwortung" für die "Katastrophe des sexuellen Missbrauchs" übernehmen.

Die Untersuchungen zu den Missbrauchsskandalen der vergangenen Jahrzehnte hätten gezeigt, dass diese unter anderem auch auf "institutionelles oder systemisches Versagen" der katholischen Kirche zurückzuführen seien, erklärte der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Zugleich sei in den jüngsten Debatten allerdings offensichtlich geworden, "dass manche in der Kirche gerade dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollen".

Kardinal Reinhard Marx ist einer der bekanntesten Kirchenmänner in Deutschland. Von 2014 bis 2020 war er der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Bonn. Nach seinem dortigen Rückzug blieb er Erzbischof von München und Freising. Nun hat der 67-Jährige dem Papst seinen Rückzug angeboten.

Marx wurde am 21. September 1953 in Geseke (Westfalen) geboren und nach diversen kirchlichen Ämtern 1996 Weihbischof in Paderborn. Dort unterrichtete er auch in christlicher Gesellschaftslehre. 2002 wurde Marx Bischof von Trier, mit 48 Jahren damals der jüngste deutsche Diözesanbischof.

Im November 2007 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Münchner Erzbischof, drei Jahre später wurde er Kardinal, wieder war er für einige Zeit der jüngste in dem Kreis. Von 2012 bis 2018 war er zudem Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der EU.

Im April 2013 berief der neue Papst Franziskus den damals 60-Jährigen in den achtköpfigen Kardinalsrat, der ihn bei der Reform der Kurie in Rom berät. Wenig später machte das katholische Kirchenoberhaupt Marx zum Koordinator eines neu geschaffenen Wirtschaftsrates im Vatikan.

2014 folgte der Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz. Anfang 2020 hatte Marx erklärt, bei der bevorstehenden Wahl nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Sein Nachfolger wurde Bischof Georg Bätzing.

Unter seinen deutschen Amtsbrüdern und in der römischen Kurie hat Marx nicht nur Freunde. Manchen Bischof stört dessen barockes Erscheinungsbild, das so gar nicht zu der Kirche der Armen passen will, die der Papst predigt. Marx residiert in einem stattlichen Palais, das ihm allerdings vom Land Bayern zugewiesen ist.

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Kardinal Woelki unter Druck

Marx spielte damit ganz offenkundig auf den Kölner Kardinal Woelki an. Dieser wird wegen der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in seinem Erzbistum scharf kritisiert, lehnt bis heute persönliche Konsequenzen aber ab. Papst Franziskus lässt die die Vorgänge in Köln mittlerweile durch eigene Abgesandte untersuchen.

Marx sagte am Freitag vor Journalisten in München, er habe eine "ganz persönliche Entscheidung" getroffen. Jeder müsse seine eigene Verantwortung wahrnehmen, er wolle auf "Mitbrüder da nicht einwirken". Er selbst wolle mit seinem Schritt ein "Zeichen" der Übernahme von Verantwortung im Namen der Kirche als Institution setzen, das die Opfer "zu Recht" einforderten.

Nach eigenen Angaben war sein Rücktrittsersuchen das Ergebnis eines länger andauernden Reflexionsprozesses, der bereits in seiner Zeit als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz begonnen habe. Marx stand demnach in den vergangenen Wochen in engem persönlichen Austausch mit dem Papst in Rom. Dieser genehmigte auch, den Vorgang öffentlich zu machen. Über den Rücktritt sei noch nicht entschieden, sagte Marx. So lange bleibe er im Amt.

"Neuer Aufbruch der Kirche"

Marx, der nach viel öffentlicher Kritik wegen der auch im Erzbistum München noch nicht abgeschlossenen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals im April auf die Verleihung des Großen Verdienstkreuzes durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verzichtet hatte, erklärte, er wolle durch seinen Rückzug ganz bewusst auch ein Zeichen für "einen neuen Aufbruch der Kirche" setzen. Diese müsse sich grundlegend erneuern und reformieren.

Es gebe in der Kirche manche, die dem nötigen "Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise" ablehnend gegenüber stünden, erklärte Marx. Die katholische Kirche in Deutschland sei an einen "toten Punkt" gekommen. Es sehe die Gefahr, dass versucht werde, die Missbrauchsskandale "rein administrativ zu erledigen". Dieses sei ihm "zu wenig".

"Ich will zeigen, dass nicht das Amt im Vordergrund steht, sondern der Auftrag des Evangeliums", teilte der 67-Jährige mit. Er glaube "fest an eine neue Epoche des Christentums". Dafür aber müsse die Kirche aus ihrer Krise "lernen". Er sei keineswegs amtsmüde, sondern gern Priester und Bischof.

Es gehe "der Falsche"

Unter den deutschen katholischen Laien löste die Nachricht von dem Rückzugsgesuch Entsetzen aus. Mit Marx gehe "der Falsche", erklärte der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg. Marx habe bei der Missbrauchsaufarbeitung und beim synodalen Weg viel geleistet. Der synodale Weg ist ein Gesprächsformat, in dem Vertreter der Kirche und katholische Laien über die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und andere Reformen reden.

Respekt für das Rückzugsersuchen äußerte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing. "Ich kann die Entscheidung von Kardinal Marx verstehen", teilte er in Bonn mit. Die Rücktrittsbitte mache zugleich deutlich, dass der mit dem synodalen Weg begonnene Erneuerungsprozess weitergehen müsse. Juristische Aufarbeitung und Änderungen in der Verwaltung allein reichten nicht aus.

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