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Chronik Welt
05/20/2020

17 Prozent weniger Treibhausgas-Ausstoß in der Corona-Krise

Die Corona-Maßnahmen führten zu einem starken Rückgang der Treibhausgase. Der dürfte aber kaum nachhaltig sein.

von Bernhard Gaul

Die Maßnahmen der Regierungen weltweit im Kampf gegen die Corona-Pandemie haben drastische Auswirkungen auf die Energienachfrage, heißt es in einer neuen Studie der School of Environmental Sciences der University of East Anglia in Norwich, Großbritannien, die im Fachmagazin Nature veröffentlicht wurden.

Am 7. April wurden nach Angaben der Klimawissenschafter um Corinne Le Quere von der englischen University of East Anglia weltweit schätzungsweise 83 Millionen Tonnen (Megatonnen) CO2 durch die Verbrennung fossiler Brennträger und die Zementproduktion ausgestoßen - 2019 waren es im Tagesdurchschnitt 100 Megatonnen gewesen. In manchen Ländern seien die Emissionen zu den Hochzeiten der Corona-Beschränkungen gar um bis zu durchschnittlich 26 Prozent gesunken.

Weil viele internationale Grenzen geschlossen wurden und die Bevölkerung in einen Lockdown nachhause geschickt wurden, hat sich der Energiekonsum vor allem für den Transport enorm verringert.

Allein die Emissionen des Transports an Land sowie des Luftverkehrs hätten am 7. April um 36 beziehungsweise 60 Prozent niedriger gelegen als im Jahresdurchschnitt 2019. Landverkehr, Energie und Industrie machten demnach gemeinsam 86 Prozent des gesamten CO2-Rückgangs aus.

In den ersten vier Monaten des Jahres fielen die Emissionen der Schätzung zufolge um insgesamt etwa 1.048 Millionen Tonnen. Besonders stark war der Rückgang in China (minus 242 Megatonnen), den USA (minus 207 Megatonnen) und Europa (minus 123 Megatonnen). Weltweit betrug die Verringerung im Vergleich zu den Monaten Jänner bis April 2019 insgesamt rund 8,6 Prozent.

Untersucht wurden 69 Staaten weltweit, darunter die USA, Europa und 30 chinesische Provinzen. Zusammen sind die untersuchten Staaten für 97 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich.

Der Emissionsrückgang bedeutet nicht, dass die Konzentration der Treibhausgase in der Luft unmittelbar sinkt. Im Gegenteil - der CO2-Gehalt der Atmosphäre klettert weiter: Der Wissenschaftsverband Deutsches Klima-Konsortium hatte am Freitag auf neue Rekordwerte verwiesen, die auch in Deutschland gemessen wurden. Im März sei die CO2-Konzentration an der Messstation des Umweltbundesamtes auf der Zugspitze im Monatsschnitt erstmals auf fast 418 Teilchen pro Million Teilchen Luft (ppm) gestiegen. Der neue Höchstwert von 417,838 ppm habe damit fast drei ppm höher gelegen als 2019. Auch im April lag die Konzentration mit 415,779 ppm höher als im Vorjahr.

Das Klima-Konsortium verwies auch auf Daten der ältesten CO2-Messstation Mauna Loa auf Hawaii. Die US-Wetterbehörde NOAA habe als Durchschnittswert für April 416,21 ppm gemeldet und damit einen Anstieg von 2,88 ppm im Vergleich zu 2019. Dass der CO2-Gehalt der Atmosphäre weiter ansteige, liege an der sehr langen Verweildauer von Kohlendioxid in der Atmosphäre. Ozeane und die Landregionen nähmen derzeit etwas mehr als die Hälfte des von der Menschheit ausgestoßenen CO2 auf - der Rest verweile für ungefähr ein Jahrhundert in der Luft.

Auswirkung auf Jahresbilanz: - 4 bis - 7 Prozent

Welche Auswirkungen dieser Rückgang auf die Jahresbilanz haben wir, hänge laut den Forschern davon ab, wie restriktiv die Covid-Maßnahmen bleiben. Die Schätzungen der Forscher reichen von minus 4 Prozent bis zu minus sieben Prozent für 2020, wobei sogar ein Rückgang von bis zu 13 Prozent im Bereich des Möglichen sei. Dafür müssten allerdings die Maßnahmen in einem Großteil der Staaten bis Ende des Jahres aufrecht bleiben.

Sind diese Daten und Projekten mit einem lachenden und weinenden Auge zu sehen? Für den Klimaökonom Stefan Schleicher ist klar: „Das kann man nur mit einem weinenden Auge ansehen. Diese Reduktion, die hier gezeigt wird, kann ja keine Klimastrategie sein, da die getroffenen Maßnahmen wie Lockdown und Grenzschließungen sich nicht aufrechterhalten lassen.“

Ihn erinnere das vielmehr an die von der österreichischen Politik gelobte Rückgang der CO2-Emissionen 2018, die letztlich vor allem auf den Ausfall eines einzigen Hochofens der voestalpine in Linz zurückgeführt werden konnten.

WWF: "Keine falschen Schlussfolgerungen"

Die Umweltschutzorganisation WWF Österreich warnt vor falschen Schlussfolgerungen. „Auf die globale Erwärmung haben kurzfristige Einsparungen praktisch keine Auswirkungen. Treibhausgase verbleiben über 100 Jahre klimawirksam in der Atmosphäre. Das heißt, jede einzelne Tonne, die neu dazukommt, ist eine weitere Tonne zu viel, die unser Klima jahrzehntelang beeinflussen wird“, sagt WWF-Klimasprecher Karl Schellmann. „Es wäre daher völlig verkehrt, jetzt die Hände in den Schoß zu legen. Ganz im Gegenteil, die miserable CO2-Bilanz muss umfassend saniert werden, mit aktiven Klimaschutzmaßnahmen.“

Was ist zu tun? „Steuersysteme ökologisieren, klimaschädliche Emissionen bepreisen und die Förderung fossiler Energien stoppen. Dazu kommt die Umstellung auf eine klimafreundliche Mobilität sowie der Schutz von Wäldern und die Renaturierung von Ökosystemen, die ja auch als Kohlenstoff-Senken dienen.“